CHRIZZI IN TAMPERE IM OKTOBER 2020

Auf Einladung des Deutschen Kulturzentrums Tampere (DKT) in Kooperation mit dem Goethe Institut Finnland
arbeitet Chrizzi Heinen im Oktober 2020 als Stadtschreiberin in Tampere.
Texte, die sie während ihrer Residenz verfasst, können auf dieser Seite gelesen werden.
Der aktuellste Beitrag steht jeweils oben.

Die Texte werden zusätzlich auf den Seiten des DKT sowie den Seiten
des Goethe-Instituts Finnland veröffentlicht. Paljon iloa! CH

Die ersten beiden Wochen wird sie unter Quarantäne in einem Mökki in Haihara am Kaukajärvi verbringen.
Ganz unten findet sich eine Auflistung an Lesungen ab dem 14.10. in Finnland.

Fotos werden bei Bedarf auf Chrizzis Insta-Seite veröffentlicht.
Wenn ich nicht über Lonnie oder über Aleksis Kivi schreibe, liefere ich TAGESSCHAUM,
also eine Impulszusammenfassung des gerade vergangenen Tages.
tako




ÜBER SCHNEE. TAGESSCHAUM VOM 21.10.2020
Ich bin wieder viel zu früh aufgewacht, es ist noch sehr früh am Morgen. Draußen fährt irgendeine Maschine vor dem Haus rum.
Es klingt wie der Winterdienst, der den ersten Schnee des Jahres von den Straßen entfernt. Ich stelle mir vor, dass es in der
kurzen Nacht so viel geschneit hat, dass ich hier nicht mehr aus dem Haus kann, dass ich bis Sonntag nicht mehr hier raus kann.
Schnee ist leiser als Hagel oder Regen, denke ich. Bis jetzt habe ich noch nicht rausgeschaut. Ich traue mich nicht, vielleicht
liegt da gar kein Schnee und alles ist so wie gestern.

Ich habe hier in Tampere in zwei Wochen mehr Leute getroffen, als in sechs Monaten in Berlin...


TAGESSCHAUM VOM 19.10.2020
Kaukajärvi-Sauna
Heute morgen hat es etwas geschneit, Raureif hat sich auf die Wiese vor dem Haus gelegt. Bestes Saunawetter. Nach dem
Frühstück packe ich zwei große Handtücher und meinen Kulturbeutel in meinen Rucksack und laufe am Kaukajärvi (also dem
See, an dem ich lebe) entlang. Nach ein paar Minuten komme ich zu dieser großen Wasserrutsche, die in den See hineinragt.
Offenbar macht sie nun Winterpause, am Wochenende hat sie jemand zum Schutz vor der Witterung mit Planen umwickelt. 200
Meter weiter ist auch schon die Holzhütte, vor der ich letzte Woche von weitem halbnackte Menschen auf einer Bank hab
sitzen sehen. Dort muss die Sauna sein.
Ein wirklich kleines Häuschen ist das, es gibt niemanden, der an einer Kasse sitzt und auch keine Dose, wo man vielleicht
eine Spende lassen kann, nur zwei kleine Umkleideräume, einen für Damen, der andere für Herren. Ein mittelaltes Pärchen
erreicht das Häuschen zeitgleich mit mir. Sie zieht sich gerade um, steht plötzlich in Bikini da, und ich stelle fest, dass
ich keine Badekleidung dabei habe. Null Probleme, Unterwäsche tut es auch. Trete kurze Zeit später in mein Handtuch gewickelt
vor die Tür, das Pärchen kommt gerade aus dem Wasser und setzt sich ohne Handtuch, bloß in Badekleidung bei 1 Grad Celsius auf
die Bank und schaut mich an.
Wo ist denn jetzt die Sauna, frage ich, und schaue hinter die beiden um die Ecke des Häuschens. Ob sich da noch irgendein kleiner
Raum versteckt, wo vielleicht eingeheizt wird, ich friere.
Die Sauna?, der Mann ist etwas irritiert, das hier sei nur ein Schwimmplatz.

Ach so, sage ich, ich kleines Dummerchen. [Ich habe die Geschichte übrigens schon einem meiner Mitbewohner erzählt, der mich
auf halber Strecke der Erzählung unterbrach und meinte: „Jaja, du standst da im Handtuch und dann hast Du gemerkt, dass es sich
um eine Bushaltestelle handelt.“]


Der Mann auf der Bank zeigt jedenfalls in irgendeine Richtung: die Sauna sei etwa da. Irgendwo am Ufer muss sie sein, denke ich,
ziehe mich wieder an und laufe das Seeufer weiter. Hinter einer kleinen Holzbrücke frage ich einen Anwohner, ob er weiß, wo die
Sauna sei, auf der Karte hätte ich sie schon gesehen. Er zeigt auf die gegenüberliegende Seite des Sees. Kiitos!

So weit ist es nicht, die Luft ist klar, von der Hauptstraße her höre ich das Rauschen des Verkehrs, als ich meinen Weg fortsetze.
Nach einer Viertelstunde Fußweg erreiche ich die Kaukajärvi Sauna.
Die Rezeption ist vergleichbar mit einer Freibadfrittenbude, sehr gemütlich, ich halte der Frau meinen Fünfeuroschein entgegen.
Sie fragt, ob ich schon einmal hier gewesen sei, da seien die Umkleiden für die Damen, dahinter die Duschen und Saunen, dort vorne,
sie zeigt zu einem Tischchen mit einer großen Thermoskanne, könne ich mir Kaffee nehmen. Sehr, sehr freundlich das alles, ich fühle
mich gleuch wie zu Hause und laufe in die Damenumkleide.
Es gibt zwei Saunas, zwischen denen ich mich zu endtscheiden habe. Ich laufe einfach vier älteren Herrschaften in eine Sauna
hinterher, drei alte Männer und eine zarte ältere Dame mit feinen Knitterarmen.
Meine Brille beschlägt, als ich die Türe hinter mir schließe. Die vier tragen Stoffmützen mit kleinen Zipfeln und sitzen auf
mitgebrachten Gummimatten oder Holzbrettern. Ich bin hier die einzige mit Handtuch. Falls ich hier nochmal hinkommen sollte,
sollte ich in einem der Schränke im Häuschen nach so einer Matte schauen. Zur Not reicht ein größeres Schneidebrett.
Die Hitze kriecht in meinen Körper, in den Beinen spüre ich sie am stärksten. Hätte ich nur auch so eine Zipfelmütze. Mein Haare
fallen von der Hitze sicher gleich alle ab. Die vier Alten unterhalten sich angeregt, und ich finde es toll, dass ich nicht verstehe,
worüber sie reden. So kann ich besser über andere Sachen nachdenken, wenn das hier gleich nicht noch heißer wird. Als die Frau
die dritte Kelle Wasser auf die Steine geschüttet hat, ist es nicht mehr zu ertragen, das hier ist die Killersauna.
Bevor die Frau die nächste Kelle auf die Steine schüttet, bin ich auch schon draußen im Flur, trinke einen Schluck Wasser und öffne
die Holztür nach draußen zum See.
Über eine Treppe mit einem Steg erreicht man die Geländer ins Wasser. Ich mache es wie die anderen, muss ja nicht direkt
jeder mitkriegen, dass ich nicht von hier bin, lege mein Handtuch ans Geländer, steige ins Wasser, lasse die Kälte kurz mit der Hitze
meines Körpers zusammenprallen, zähle bis zehn und klettere dann wieder aus dem Wasser.

sauna1
Ausblick auf den Kaukajärvi, auf Bank sitzend, Saunahaus im Rücken

sauna2
Bänke zum Verweilen vor Sauna, Liegen oä Schischi gibt es nicht.

Kaum jemand macht nach der Abkühlung im See eine Pause, die meisten gehen danach sofort wieder in die Sauna. Ich wickle mich in
mein Handtuch, setze mich auf einen Platz auf die lange Holzbank und schaue ein wenig in die Sonne.
Diesmal nehme ich die andere Sauna, in der ich direkt von einer jungen Frau mit der Kelle in der Hand angequatscht werde. Ich sage,
dass ich Saksa bin und sie fragt mich auf Englisch, ob sie eine weitere Kelle Wasser auf den Ofen werfen darf. Na Klärchen, gebe ich
zu verstehen. Schnell kommen wir ins Gespräch, sie kommt hier zweimal pro Woche hin, wohnt sechs Kilometer entfernt, mit dem Fahrrad
sei das gut zu erreichen, das hier sei die beste Sauna im ganzen Umkreis, doch bei der heißen Sauna nebenan, könne sie nicht mehr
richtig atmen. Sie kommt ursprünglich aus einer kleineren Stadt im Osten Finnlands, aber Tampere sei ja schon die schönste Stadt und
sie ist froh, hier ihren Mann gefunden zu haben.
Als wir nach draußen zum See gehen, erzählt sie mir, dass sie auch schon vier Novellen geschrieben hat, eher kleine Sachen. Mich wundert
das nicht. Alle Leute, die ich bislang kennengelernt habe, haben mindestens ein Hobby, dem sie sich mit Passion widmen. Ihre Bücher
wurden nicht veröffentlicht, und ich frage, ob es nicht vielleicht möglich sei, die beiden ersten Büchlein zu einem großen
zusammenzufassen und merke dann, dass ich in der Unterhaltung mal wieder zu tief ins Detail gehe.
Wie oft ich denn schon im See gewesen sei, fragt sie. Dreimal, antworte ich. Von doitschen Saunas kenne ich es so, dass man mindestens
zehn Minuten drin bleibt, man schaut wie ein Arbeiter auf eine im Holzraum angebrachte Eieruhr und nach der Abkühlung soll man länger
ruhen.
Hier geht es ja eher so um einen schnellen Wechsel zwischen heiß und kalt, sage ich zu der jungen Frau.
„Yes, I feel so alive“, antwortet sie. Sie hat recht, ich fühle mich recht munter.
„Yes, but when it's really ht, you almost feel like dead, you don't think anymore“, sage ich, was aber eher auf meine Erfahrungen
in doitschen Saunas zurückzuführen ist, wo ich manchmal 20 Minuten in so einer hotten Hütte sitze, in der langsam aber sicher meine
Sinne, meine Erinnerungen und mein gesamtes Ich flöten gehen, was eine nicht weniger schlechte Erfahrung ist.

Nach ihrer letzten Abkühlung soll ich nochmal kurz in die Umkleiden kommen, sie will sich online noch mit mir verknüpfen. Finde ich
gut. Sie heißt Mirka-Maria und zieht ihr Smartphone aus dem Schließfach. Ob ich auch bei Instagram sei, fragt sie.
„Yes. Unfortunately“, antworte ich. Während eine Frau in einem blauen Badeanzug und einem dicht bestreuten Sommersprossenrücken
unserer Unterhaltung lauscht, zeigt sie mir noch ein paar Fotos von Acrylbildern, die sie auf Insta hochgeladen hat und wir verabschieden
uns.
Ich gehe zurück in die Sauna, wo schon die Frau mit dem blauen Badeanzug sitzt. Auch sie kommt hier zweimal in der Woche hin. Das hier
sei aber auch die beste Sauna, sagt sie, der See habe sehr klares Wasser. Was ich für ein Glück habe, denke ich. Da gehe ich einmal in
Tampere in die Sauna, und schon lande ich in der besten der gesamten Umgebung. Ich muss an Pastel de Nata denken und an die Portugiesen,
die mir erzählen, dass es die besten Pastel de Nata nur in Belém gibt.
Durch die holzvertäfelte Wand tönen dumpf die lauten Gespräche der alten Leute aus der Killersauna. Ob ich denn schon in der anderen Sauna
nebenan gewesen sei, fragt mich die Frau.
Ja, aber es sei mir etwas zu heiß gewesen, gebe ich zu.
Ja, sagt sie, für sie auch, sie gehe ja schon als Kind in die Sauna, aber die heißen Saunas seien ihr nie gut bekommen. Vor fünfzehn
Jahren hätte es in Kaukajärvi nur die eine heiße Sauna gegeben.
Aber es sei doch interessant, dass die Älteren die Sauna gut vertragen, als sei es nichts. Sie machen Party, stelle ich fest, als das
Gelächter der alten nebenan immer lauter wird.
„Yes, they know each other and come here every week.“
Saunabesuche sind wohl eher so Cliquentreffpunkte, wie Kneipenbesuche, ganz anders als in Doitschland, wo man zur Stille angehalten wird,
einer Stille, in die sich das gestresste Schweißächzen irgendwelcher Hardworker mischt.
Sauna ist hier zwar auch Leisure, aber eben kein Luxus oder etwas, das man sich erst verdienen muss, oder so. Erholungspausen werden hier
einfach so in den Alltag eingebaut.
Und Quatschen ist erwünscht, finnische Saunas sind offenbar Kommunikationsräume, in denen es eher ungewöhnlich ist, wenn man sich nicht
unterhält. Doch ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll. Manchmal mag ich Smalltalk. Denn oft steht viel mehr dahinter als man zuerst
denkt.
Jetzt fällt mir eine Frage ein: Ob sie es von der Sauna weit nach Haus hat?
Nein, antwortet sie. „Just a walk, it's nice.“
Schön! In so vielen Unterhaltungen, die ich hier in Tampere bislang geführt habe, schwingt die Liebe zur Umgebung mit. Und die Leute
haben einfach recht. Es ist nicht nur der wirkliche erquickliche Saunagang, der meinen Tag bereichert. Selbst der Nachhauseweg, die
halbe Stunde durch den Wald am See, ist trotz der Minusgrade mit Freude verbunden.

Die Mumins im Supermarkt
Zu Hause, brate ich mir erst einmal ein paar Falafel und schreibe eine Einkaufsliste mit Dingen, die ich später noch besorgen muss:
Briefmarken, Zahnpasta, Salmiakschokolade für heute Abend, Mumintee, Muminzahnpasta, Muminkaugummis. Dabei haben Mumins, wie ein Freund
von mir ganz richtig feststellt, doch gar keine Zähne. Na, die Zahnpasta ist ja auch nicht für die Mumins, sondern wird aus Mumins
hergestellt! Wieauchimmer.
Wenn ich durch den Supermarkt gehe, kommt es mir so vor, als ob es von jedem Produkt auch eine Mumin-Version gibt, also eine mit
Muminfiguren dekorierte Verpackung, die zum Kauf verführt.
Obs wohl Muminkondome gibt, oder Muminmama-Schwangerschaftstests oder Muminpapa-Schlaftabletten, frage ich mich. Pirjo, die ich
letzten Samstag im Stadtzentrum getroffen habe, würde vermuten, dass das der Nichte von Tove Jansson, die das Erbe ihrer Tante
verwaltet und auch das Branding kontrolliert, sowas wohl nicht gefallen würde. Schade, ich bin mir sicher, dass Tove Jansson
abseitige Muminprodukte sicher auch lustig fände.

mt
Mumintee


TAGESSCHAUM VOM 18.10.2020
Kaukajärvi und über das Spazierradeln
Seit zwei Wochen bin ich echte Kaukajärvierin, das bedeutet: Wenn sich irgendwer irgendwie abwertend zu meinem Kiez
äußert, koche ich innerlich. Eine Bekannte meinte letztens, Kaukajärvi sei ja nicht Tampere. Na, da warten wir mal
die nächsten fünfzehn Jahre ab, wenn sich die Innenstadtbewohner die Finger nach ruhigen Häusern am Stadtrand lecken.
Innenstädte weiten sich aus. Warte zwar nach wie vor auf den Spandau- und Hellersdorf-Hype in Berlin! Doch er wird kommen,
dessen bin ich mir ganz sicher.
Von Kaukajärvi in die Innenstadt brauche ich mit dem Rad etwa vierzig Minuten, die beste Strecke dorthin verläuft durch
den Stadtteil Nekala. Es hat jedes Mal etwas Feierliches, wenn ich Nekala erreiche, die Häuser begrüßen mich wie bunte
Lampions.

Weil es hier innerhalb von wenigen Tage richtig kalt geworden ist und ich selbst im Haus etwas friere, was ich mit dem
regelmäßigen Verzehr von salmiakgefüllten Schokoladentafeln zu kompensieren versuche, fahre ich nur noch Rad, wenn ich
ein klares Ziel vor Augen habe. Also nicht mehr „zum Spaß“ und büxe nicht mehr aus. Ich könnte Busfahren, aber ich fürchte
zu lange Wartezeiten an Haltestellten.

Seit ich Vappu kenne, die mir über ihre Fahrradforschung erzählt hat, denke ich mehr darüber nach, weshalb ich welche
Routen mit dem Rad nehmen. In Berlin fahre ich nicht ohne ein klares Ziel vor Augen. Beim Spazierengehen dagegen ist mir
das Ziellose, das Herumschlendern, das Umherstreifen - in städtischen Umgebungen als Flanieren bekannt – vertraut.
Beim Radfahren in der Stadt ist mir dieses Schlenderfahren (ich nenne es jetzt einfach mal so) fremd geworden.
Ich nutze das Rad wie andere die S-Bahn, ich kenne unliebsame Ampelanlagen, versuche bestimmte Kreuzungen und Wege zu
vermeiden, auf denen es für mich brenzlig werden könnte. Manchmal weiche ich auf den Bürgersteig aus. Das Bedürfnis,
nicht überfahren zu werden, begleitet mich auf allen Fahrradstrecken und trainiert meine Reaktionsfähigkeit von Tag
zu Tag.
Wenn ich auf dem Rad sitze, schaue ich nicht nach rechts und nach links, um die Gegend auf mich wirken zu lassen,
ich will einfach nur ankommen, so schnell wie möglich.
Fahrradwege sind zu Straßen für Fahrradfahrer geworden, die nach vorn schauen. Wenn man zu langsam ist und vor sich
hin träumt, wird man schnell mal angeklingelt und überholt. Vielleicht fahre ich deshalb nicht mehr gern Rad, weil es
ein Mittel zum Zweck geworden ist, weil es stresst und andere Radfahrer teilweise wie kleine Kampfmaschinen auf ihren
Routen durch die Stadt dahinflitzen.

Als Vappu mir von ihrer Forschung mailte, in der sie anhand von Fahrradworkshops das Verhalten unmotorisierter
Verkehrsteilnehmer mit Fokus auf Methoden des derivé, also mit Blick auf Möglichkeiten experimenteller Praktiken
in urbanen Landschaften untersucht, war ich noch in Berlin. Zielloses „Spazierfahren“ auf dem Rad ist für mich in Berlin nicht
mehr vorstellbar. Ganz anders sind meine Erinnerungen an das Jahr 2005, als ich nach Berlin zog, und die weiten Alleen
genoss, die ich mir als Radfahrerin fast geschwisterlich mit ein paar Autos teilte.
Als ich die Gegend in Tampere mit dem Rad letzte Woche erkundete, änderte sich mein Blick. Plötzlich verstand ich Vappus
Vorhaben, ich kann das „Flanierradeln“ besser nachvollziehen und verstehe den Sinn der Untersuchung: Es ist ein
unglaubliches Geschenk, wenn man merkt, dass Ausbüxen - sei es als Spaziergänger oder als Fahrradfahrerin - überhaupt
noch möglich ist und dass es überhaupt noch Raum für experimentelle unmotorisierte Spazierfahrten gibt.
In Tampere ist bei Spaziergängen zweifellos mehr Improvisationsvermögen bei Befolgen von Routen gegeben.
Als Vappu mich mit ihrer Hündin abholte, hatte sie sicher einen vagen Plan für den Weg auf den Hikivuori.
Aber statt dass wir uns auf gefestigten Wegen fortbewegten, nahmen wir viele Strecken durch den Wald.
Natürlich existieren in den Wäldern hier auch „festgetrampelte“ Pfade, die darauf hinweisen, dass die
Menschen sie immer und immer wieder gegangen sind und dass sie sich dienlich erweisen. Doch abgesehen von
diesen Wegen kommt mal als Spaziergänger oft an den Punkt, selbst erfinderisch zu werden, neue Wege zu ergründen.
So sind bei Spaziergängen immer mehr Kombinationsmöglichkeiten möglich. Das führt zu mehr Abwechslung und man lernt
die Gegend jedes Mal neu kennen.
Unten ein Bild von Vappus Hündin Alma, die uns auf unserem Spaziergang auf
den Hikivuori (Schwitzberg) in Haiharan begleitete.

alma



PS: TAGESSCHAUM VOM 17.10.2020
THE BIG C
90 Prozent des Aufwands beim Schreiben besteht allein darin, Dinge auszublenden, die einen gedanklich beschäftigen.
Die restlichen 10 Prozent sind Wörter auf Papier, die irgendwie zusammenhängen und einem manchmal ein okayes Gefühl
geben, denn sonst würde man diesen Aufwand gar nicht erst betreiben. Im folgenden ein Auszug aus der Gemengelage
dieser 90 Prozent:

Auf meinen handschriftlichen Müllseiten (also die Seiten, die ich als irrelevant erachte und die ich hier deshalb
auch nicht zu Wort kommen lasse) steht viel über Corona. Ich habe gemerkt, dass ich an nichts anderes denken kann,
wenn ich anfange, über die Pandemie nachzudenken. Diese Woche wurde ich von Studierenden der Uni Helsinki in einem
Zoom-Meeting gefragt, welchen Club in Berlin ich empfehlen würde. Viele Orte, die ich abends aufsuchte, mussten wegen
bestimmter Bauprojekte schließen. Schon vor den C-Zeiten wurde es mit Clubkultur eng, und C verschärft die gesamte
Situation. Der Stadt wird das genommen, wofür sie sich immer brüsten konnte - selbst, wenn ich am Ende keine große
Ausgeherin bin, weil ich meine Ruhe brauche, es tut mir enorm leid, für alle Beteiligten, für die Musiker, Musiker,
Veranstalter. Dass alle nicht von jetzt auf gleich voll motiviert neue Konzepte ausarbeiten, ist voll verständlich!
C macht matt, platt, blockiert. Kreativ und originell zu sein ist in C-Zeiten mit noch mehr Energie verbunden,
eben weil man nicht weiß, was der Aufwand am Ende Wert war. Das betrifft auch das Schreiben. Schon vor C empfand ich
es schwierig, gewisse Distributionswege zu finden. Mein Vakant Verlag diente mir lange Zeit als Experiment und zur
Kompensation eines unbefriedigenden Literaturbetriebs. Doch gerade wird es wirklich schwierig, bei Laune zu bleiben.
Die Studierenden haben mich auch gefragt, was mein liebster Ort in Berlin ist. Hab die Frage ganz klar mit "Stabi",
also Staatsbibliothek, beantwortet. Doch auch hier hat sich natürlich während C einiges verändert. Plätze kann man
für eine von zwei Schichten am Tag buchen, dies ist nur möglich, wenn du um Punkt 9 Uhr eingeloggt bist und deinen
Platz für die Folgewoche buchst. Innerhalb von zwei Minuten sind die 230 Plätze auch schon ausgebucht. Ich krieg das
hin, weil ich mir eine Uhr stelle oder meinen Mitbewohner bitte, mit daran zu denken. Man muss halt "auf Zack" sein.
So war das in Berlin leider schon vor C. Aber mit dem blöden C schauen einfach zu viele Menschen, die nicht immer
"auf Zack" sind, in die Röhre. Und das ist auf andere Arbeits- und Lebensbereiche zu übertragen! Ich sorge mich um die
Zeit, die da kommt, wenn ich wieder in Berlin bin. Das habe ich den Studierenden nicht gesagt, und darum sollte es in dem
Gespräch auch nicht gehen. Ich wollte niemanden in Bezug auf Berlin völlig desillusionieren. Ich habe mir während des
Gesprächs gesagt, dass es ja nur eine Frage der Zeit ist, bis sich alles wieder "eingerenkt" hat. Ich weiß, dass das
naiv nach Weihnachten klingt, aber so bin ich in der Lage, auf öffentlichen Veranstaltungen viel zu lachen.
Die Reaktion der meisten anwesenden Studierenden konnte ich leider nicht sehen, weil sie ihre Kamera nicht angeschaltet
hatten. Das ist auch ok, kann ich sehr gut nachvollziehen, das mache ich das nächste Mal auch einfach mal so :)

Schreiben - anders als reden - ist immer auch ein Schutzschild gegen die Außenwelt. Obwohl mir gerade alles ungewiss
erscheint, bin ich mir sicher, dass ich anders denke, wenn ich in die Arbeit an den dritten Roman abgetaucht bin, die
Findungsphase mit Notizen und Ideen gestaltet sich als unangenehm spannender Eiertanz. Mein zweiter Roman liegt derweil
wie ein roher Riese versteckt in einer Datei in einem Ordner auf meiner Festplatte. Er atmet ruhig und leise, und ich
hoffe, er hält zumindest so lange aus, bis sich die offizielle Literaturstelle dazu äußert. Ich selbst kann ihn gerade
nicht künstlich am Leben halten, ich weiß aber, dass er da ist und länger bleiben wird.


TAGESSCHAUM VOM 13.10.2020
Pyynikki als Zeitmaschine und Gartenskulpturen
pyniki
Boote am Seeufer von Pyynikki
Am Sonntag fahre ich mit dem Rad erneut ins Stadtzentrum. Ich bin mit Meri verabredet, die in Pyynikki lebt, nicht weit
entfernt von diesem Aussichtsturm, an dem ich am Vortag eher unbeeindruckt vorbeigefahren bin. Als ich ihr Haus erreiche,
gräbt sie noch etwas im Vorgarten herum. Ich stelle mein Rad hinter einen Busch, wo es sicher steht. Meri verstaut noch
irgendwas in ihr Handtäschchen, das sie sich um ihren Unterarm legt wie um einen Garderobenhaken.
Wir laufen eine steile Treppe hinauf auf den Berg mit dem Turm. Auch heute bohrt sich eine Menschenschlange aus dem Eingang
heraus wie ein langer Wurm, und Meri erklärt mir, dass die alle nur für „Munkki“ anstehen, die in dem kleinen Turmcafé
verkauft werden. Bis wir an der Reihe sind, unterhalten wir uns auf Englisch, u.a. über einen gemeinsamen Freund, der den
Kontakt zwischen Meri und mir hergestellt hat, Meri treffe ich heute zum ersten Mal.
Mit dem Gebäck in einer Papiertüte laufen wir hinunter und spazieren am Ufer des Pyhäjärvi entlang, zwei große Sandstrände,
vor zwei Monaten wurde hier noch fröhlich unter der heißen Sommersonne gebadet. Doch dieser Oktobersonntag ist auch ok.
Wir passieren einen leeren Parkplatz mit schwarzen Spuren, die sich wie ein unruhiges Muster über den Asphalt verteilen.
An den Abenden kommen junge Leute mit ihren Autos hier her und liefern sich Autotänzchen und drehen schnelle Pirouetten.
Wir verlassen den Uferweg und laufen über eine Minigolfanlage zu einer ehemaligen Anlage, die sich in unmittelbarer Nähe
zu einem ehemaligen Fabrikgelände befindet, das vor ein paar Jahren zu einem Gebäudekomplex mit Lofts umgewandelt wurde.
Darüber thront der schwarzgefärbte Klinkerschlot – mehr schickes Accessoire denn historisches Denkmal für die Jahre der
Industrialisierung.
Nahezu unberührt und unsaniert ist das Gelände daneben, das an die damalige Fabrik angegliederte epidemiologische Zentrum.

klinik
Dieses Gebäude ist die dazugehörige Klinik, die in späteren Zeiten auch als Studentenwohnheim genutzt wurde.
Heute ist es ein Atelierhaus.


zeit
Das niedrige Gebäude diente den Fabrikarbeitern in den frühen Zeiten zum An- und Auskleiden.

efeu
Das kleine rot bewachsene Haus war zu Fabrikzeiten die Sauna, in der die Kleidung der Arbeiter desinfiziert wurde.
Heute proben dort Bands.

Meri stellt mich Mika vor, der das gesamte Gelände um  Pyyniki Aikamatkat koordiniert.
Hier finden Kunstworkshops statt. Zudem werden die Räumlichkeiten als Ateliers von Künstlern genutzt.
Mika lebt und arbeitet seit 2010 in dem flachen Gebäude. Hier hat er auch seine Zeitmaschine (Aikamatkat) hineingebaut,
eine sehr persönliche Installation. Die Bezeichnung „Zeitmaschine“ ist doch auch mustergültig für das gesamte Areal,
das das versucht, seine eigene Vergangenheit zu bewahren und sie vor den Vorhaben stumpfsinniger Investoren zu schützen.
Das schreibe ich jetzt mal so lapidar hin, weil ich einfach weiß, dass die Pläne, die für den Stadtteil Pynikki
angedacht sind, wirklich haarsträubend sind: So steht bspw. schon lange eine Skyline auf der Agenda der Stadtplaner, also
eine stereotype Zusammenstellung einiger Hochhäuser, die auf den idyllischen Strand Pynikkis gesetzt werden und Tampere
einen metropolitanen Touch verleihen sollen.
Die Pläne sind noch nicht in trockenen Tüchern, doch wer mit dem Rad durch die Innenstadt fährt, bekommt eine sichere
Ahnung davon, dass die Stadt an vielen Stellen aufstockt. Überall sind Absperrungen, hinter denen gebaut wird oder Straßen
erweitert werden.

In Verbindung mit unsanften Methoden der Stadterneuerung ist es leicht vorstellbar, dass dem Stadtrat das Gelände mit Mikas
Zeitmaschine ein Dorn im Auge ist. Mika erzählt, vor kurzem habe eine Zeitung einen schönen Artikel über ihn und das Gelände
verfasst. Die positive Berichterstattung habe dem Stadtrat überhaupt nicht in den Kram gepasst. Und gerade heute erhielt Mika
einen Anruf von Maria (Maria Mattila, ich werde sie später treffen, s.u.), die wiederum von einem Verantwortlichen kontaktiert
worden sei: Die Stadt will mal wieder, dass er geht. Alle vier Jahre werde diskutiert, was mit dem Gelände passiert, sagt Meri
das sei natürlich abhängig von jeweiligen politischen Vertretern, die zu dieser Zeit über die Stadtpläne abstimmen.
Noch bleibt Mika entspannt. Die Reaktion auf Verdrängungsprozesse hier ist eine andere als in Berlin, denke ich laut.
„It seems like if everyone knows everyone.“
Meri bestätigt meine Theorie: Wenn es Klärungsbedarf gibt, greift man zum Hörer.
Zudem müsse man dem Stadtrat gegenüber immer argumentieren, dass es sich um „youth spaces“ handelt.
„They don't understand the idea of artistic freedom, that needs space.“
„No, they don't.“

Künstlerische Freiheit hin oder her, wichtig ist, dass diese Örtlichkeiten vor allem auch soziale Treffpunkte sind.
Genau das betont Vappu, mit der ich einen Tag später zusammen mit ihrer Hündin Alma über den Schweißberg in Kaukajärvi spaziere.
Sie berichtet von einem Hausprojekt in Pispala (das ist dieser tolle Stadtbezirk, in dem Lauri Viita aufwuchs, s.u.), dessen
Neugestaltung die Nachbarschaft förmlich, wie sie sagt, "traumatisierte". In der dortigen Sauna hätte sie so viele nette Frauen
damals kennengelernt. Nicht nur für sie sei das Haus in Pispala zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden. Die Stadt hätte das Haus
damals zwar nicht verkauft, auch gäbe es in der neu konzipierten Villa eine Sauna, die sei aber – anders als früher – nicht immer
für jeden zugänglich. Das, was mir Vappu über das frühere Hausprojekt berichtet, klingt dagegen nach einem unbezahlbaren Gut:
Die Stadtplaner und Investoren würden nicht verstehen, dass das ein sozialer Ort war, der langsam und von allein gewachsen ist,
und dass sich sowas nicht planen lässt.

Zurück auf dem Gelände der epidemiologischen Klinik:
Mika fordert Meri und mich auf, ihm in sein Haus mit der Zeitmaschine zu folgen, die er uns zeigen möchte.
„Munkki get cold“, Meri hält die Tüte mit den Donuts in die Höhe, sie hat offenbar keine Lust auf Zeitmaschine gerade.
Sie möchte Mikas Arbeitsraum nur durchqueren, um sich mit mir auf der anderen Seite in den Garten zu setzen. Doch als wir zu
der Hintertür laufen, ist der Ausgang versperrt.
„He does this on purpose, we are trapped!“, sagt sie.
Ich finde es lustig. Es wäre doch unhöflich, nach draußen zu gehen, ohne sich Mikas Werk nicht zuvor mal angeschaut zu haben,
denke ich, bleibe drin und lasse mir alles zeigen. Toll, was er in den letzten Jahren aufgebaut hat und vor allem interessant,
dass er in seinem Kunstwerk sogar auch lebt, also auch kocht, liest und schläft.
Meri hat sich in den Garten verpisst, ich finde sie draußen, wo sie auf einer Bank an einem Tisch sitzt.
„I didn't want to appear impolite“, erkläre ich, „have you seen Mikas time machine?“
Meri verdreht die Augen, so ein derart genervtes Gesicht habe ich lange nicht gesehen.
Ich muss laut lachen als sie sagt: „A! Thousand! Times!“ Sie packt ein Küchentuch mit Tassen aus, schenkt Kakao aus einer Thermoskanne
ein und reißt die Tüte mit den Munkki (Donuts mit Kardamon) auf, die doch sehr vorzüglich schmecken und mich schon ein wenig auf die
Adventszeit einstimmen.

Wir trinken noch einen Fingerhut russischen Anisschnaps, und als Mika von einer weiteren kleinen Führung aus seiner Zeitmaschine
zurückkehrt, und wir ihm kein Munkki geben können, weil wir nur zwei Munkkis dabei hatten, sagt er zu uns: „You don't like my art!“
Meri antwortet: „I hate culture, I hate art!“
Das stimmt natürlich nicht, vorher hat sie mir noch erzählt: „I do love his work and think it’s important in various ways, and that’s
why I keep bringing people to see it."
Na klar! Trotzdem dennoch finde ich es interessant, dass man mal offen ausspricht, dass man Kunst und Kultur hasst, selbst wenn man
es gar nicht so meint. In Berlin darf man das nicht. Jeder hat sich ernst zu nehmen, damit bloß keiner dahinter kommt, dass man doch
eigentlich ein Volldilettant ist. Dass man eine Sache richtig hasst, denke ich später, zeigt ja auch nur, dass man sich länger
Gedanken über diese Sache gemacht hat, und die Sache womöglich einmal sehr geliebt hat.

Das Problem mit Selbstzweifeln und dem fehlenden Selbstvertrauen ist mir so vertraut, eigentlich basiert alles, was ich tue, auf
diesem Gefühl. Selbstzweifel gehören einfach dazu. Eigenüberzeugung läuft sich einfach zu heiß, und dann ist alles verbrannt.
Der selbstironische Umgang mit eigenen künstlerischen Praktiken, wie ihn auch Mika uns gegenüber zum Ausdruck bringt, ist sympathisch.
Und genauso ist auch die allgemeine Offenheit der Leute mir gegenüber, dabei bin ich doch auch nur eine Besucherin auf Zeit.

Maria wünscht sich für Mika mit seiner Zeitmaschine mehr Rückgrad, er müsse den offiziellen Stadträten gegenüber mit "more confidence"
auftreten. Tja, hm, ja, denke ich, auch mir fallen ein, zwei Situationen ein, welche sich für mich vielleicht besser entwickelt hätten,
wenn ich nicht den doofen Bückling gemacht hätte. Schade, dass viele Menschen andere Menschen so oft unterschätzen und man deshalb einen
auf dicke Hose zu machen hat, um für voll genommen zu werden. Dabei haben doch auch die, die nicht viel reden, eine Meinung. Und die Rolle
des professionellen Entrepreneurs steht einfach nicht jedem, diese Leute müssen diesen Zirkus auch nicht mitmachen. Einziges Merkmal von
entrepreunial professionality sollte doch sowieso Freundlichkeit und ein bisschen Intelllikenz sein, im Kampf um den Stadtraum kommt
man damit nicht wirklich weit.

Sie, also Maria Mattila, treffe ich am frühen Abend in ihrer schönen großen Onkiniemi Ateljee.
Das Atelier befindet sich in einem großen Gebäudekomplex von Suomen Trikoo, einer 1905 gegründeten Textilfabrik (s.u.).
Erst vorletzten Monat hat Maria den Vertrag für den lichten hohen Raum abgeschlossen.
Gestern Abend hatte ein Freund, Jussi, hier seine Finissage, er hängt gerade noch die letzten Bilder von den Wänden. An Tischen in einer
Ecke stehen kleinere Kunstwerke, Kunstbücher und Schallplatten zum Verkauf.

Nachdem Maria lange Zeit als Gitarristen in Bands aktiv war, fand sie nach einem psychischen Zusammenbruch zur Kunst, die sie seitdem
unterstützt. Natürlich hat sie seitdem immer noch mit düsteren Tagen zu kämpfen, sagt sie, doch sie ist sich ihrer vermittelnden
Rolle zwischen Stadt und den vielen Assoziierten der Kunst- und Musikszene von Tampere bewusst, und das lässt sie unglaublich stark
erscheinen.

Drei Jahre lang verantwortete sie die Organisation von Konzerten im Gelben Haus („Keltainen Talo“),
einem nichtkommerziellen Raum, der allen offenstand. Sie selbst beschreibt es als Experiment: Sie wollte zeigen, dass ein öffentlicher
und gemeinschaftlicher Raum ohne Hierarchien, Geld und Macht funktionieren kann. Das Gelbe Haus ist das Schönste, das sie erfahren habe,
heißt es in ihrem Kommentar zu dem verlinkten Youtube-Video.

Dass das gelbe Haus nach drei Jahren abgerissen wurde, betrachtet Maria mit wenig Kampfgeist: „I knew from the beginning that we have to leave in three years“, erkärt sie mir. Doch dass die Stadt ihr nach dem Abriss des Hauses keine Alternative anbot, nach allem, was
sie für die Stadt geleistet hatte, sei bedauerlich gewesen. Umso fröhlicher wirkt Maria nun über den Neuanfang im neuen Atelier, der
jetzige Vertrag läuft über zehn Jahre, was bedeutet, dass sie erstmal Luft für alle künstlerischen Projekte hat, die sie und ihre
Freunde umsetzen möchten. Es sind fünfzehn Schlüssel für das Atelier im Umlauf und sie wisse auch nicht, wer was vorhabe. Auf die
Freiheit aller Beteiligten legt Maria großen Wert und hebt den Begriff „Empowerment“ hervor. Kunst hat sie selbst nie studiert,
weiß aber genau, wie wichtig und heilsam der kreative Ausdruck ist, und dafür braucht es Raum. Ihr Vorhaben klingt so sinnvoll
und klug – nicht nur wenn man bedenkt, dass die Kunsthochschule in Helsinki jedes Jahr gerade mal einen neuen Studierenden aufnimmt.
Jeder solle Kunst machen dürfen, sagt sie, nicht nur die, die das studiert haben, letzteres sei eine ganz andere Geschichte.
Sie erzählt mir noch, dass sie das Haus des kürzlich verstorbenen Künstlers Ossi Somman bewohnt, dessen Nachlass, sie gerade verwaltet.
Ein paar Tage, nachdem Maria sich dem alten Mann vorstellte, sei er gestorben, erzählt sie mir. Offenbar sah er seine Werke bei Maria in guten
Händen und war so imstande, sich aus dem Leben zu verabschieden.
Die Skulpturen befinden sich in der Gartenanlage des Künstlers, wo sie von der Öffentlichkeit besichtigt werden können.
Folgt man dem künstlerischen Konzept Sommans, so erklärt es mir Maria, haben die Skulpturen mit der Zeit eine Einheit mit der natürlichen Umgebung
zu bilden, die Kunstwerke haben sich der somit dem Wachstum der Flora und auch den Witterungen zu fügen.
Eine „Pflege“ der Skulpturen im strengen Sinn, ist also nicht vorgesehen. Doch die Skulpturen zumindest aufzuheben, wenn sie, zum Beispiel
durch ein Unwetter, umgekippt sind, sollte wohl erlaubt sein, darüber hat Maria sich mit Verwandten des verstorbenen Künstlers ausgetauscht.
Spannende Zeiten, durch die Maria gerade geht. Ich wünsche ihr für ihre Vorhaben alles Gute und wünsche ihr viele Menschen, die sowohl die
Galerie als auch den Garten Ossi Somman besuchen und einen wichtigen Teil von Tamperes eher verborgenen Kunstszene kennenlernt.
triko
Suomen Trikoo, alte Textilfabrik


TAGESSCHAUM VOM 13.10.2020
Heute habe ich einen freien Tag, also keine Ausflüge oder Treffen geplant, und werde mal versuchen, die letzten
drei Tage in Worte zu packen. Ich hoffe, es wird nicht zu stadtsoziologisch und analytisch. Gestern Abend
hab ich dazu handschriftlich einige Botizen aufs Papier gebracht und es hat mich sehr an die Arbeit an meiner Dissertation
erinnert, man hat versucht, die wichtigsten Punkte eines Gesprächs zu fassen und in Zusammenhang zu stellen mit
bereits gemachten Beobachtungen oder Texten. An Material und Themen für eine Dissertation mangelt es nie, es ist sogar
relativ einfach im Vergleich zum fiktiven Schreiben. Was anstrengend dabei ist, ist der "Realitätsanspruch",
damit meine ich keinesfalls, dass ich hier falsche Fakten gutheiße! Es ist einfach nur diese spezifische Schreibe
wissenschaftlicher oder auch journalistischer Literatur, die einen beim Schreiben etwas einschränkt, und auch eine
gewisse Dringlichkeit, die aus diesen Texten hervorgehen soll, die oft mit einem zu erklärenden Schreibstil einhergeht.

Mal schauen, wie weit ich bei dem Krach der Bauarbeiten vor dem Fenster heute komme. Fühle mich bei Baustellenlärm
"ganz zu Hause" :) Auch in Berlin wird seit Monaten die Dachetage eines Hauses auf der anderen Straßenseite
ausgebaut, weshalb ich den Sommer in diversen anderen Arbeitsräumen und in der Stabi verbrachte. Aber die Bauarbeiter
hier sind freundlicher :)


TAGESSCHAUM VOM 10.10.2020
Heute ist Aleksander Kivis 150. Geburtstag! Also der Autor des Buchs, das ich unten am 3. Oktober kurz besprochen habe.
Sein Geburtstag wird als Tag der Literatur in Finnland jedes Jahr gefeiert.
Da ein Treffen mit einer Bekannten kurzfristig auf morgen verlegt wurde, werde ich heute einfach mal nach Pispala radeln,
das ist ein Stadtbezirk, der auf dem Stadtplan bloß als Streifen Land eingezeichnet ist, der den einen großen See vom anderen
großen See trennt.
In einem Bücherregal hier im Haus habe ich einen alten Bildband über Pispala gefunden, den ich mitnehmen und schauen werde,
ob einige der dort abgebildeten Häuser noch existieren. Wie man Aleksander Kivi heute in den Straßen huldigt, werde ich sehen.

Nun gut, von den öffentlichen Feierlichkeiten in der Innenstadt wurde ich eher enttäuscht. Auf den Bürgersteigen applaudierten
Menschen Läufern eines Marathons zu. Lautsprecher mit Durchsagen schepperten an jeder Straßenecke.
Ich finde Marathons immer lästig. Zumindest bleiben die Parks an den Tagen schön leer.
Nachdem ich zufällig an einem sympathischen Gerümpelladen vorbeigekommen bin, wo ich mir ua eine Postkarte für die Daheimgebliebenen
gekauft habe, fuhr ich mit dem Rad über Pykkini Richtung Pispala. An wunderschönen kleinen Häuschen vorbei bin ich dann links in ein
Sträßchen eingebogen, ließ das Rad stehen und lief die Berglandschaft ein Stück weiter hinab und schaute über den Pyhajärvi
der Sonne entgegen.
pispala
Mehr möchte ich dazu gar nicht schreiben. Das Foto oben erklärt sich von selbst.
Ein paar Meter weiter habe ich dann ein Schild zu einem "Lauri Viita Museum" gesehen,
das sich als Elternhaus des gleichnamigen  Dichters entpuppte.
Viita war Autodidakt wuchs in Pispala auf. Genau wie das heutige Geburtstagskind Aleksis Kivi
hatte er seelische Leiden und verbrachte einige Episoden in Kliniken.
lauri
Mir fällt zu diesem Thema einiges ein, was ich aber aufgrund der einbrechenden Nacht nicht richtig in Worte fassen kann.
Fragen von Kausalzusammenhängen (Kunst/Krankheit) sind schwierig, vor allem, weil Kunst dann nicht mehr als ein Resultat
eines "ehrlichen" Handwerks, sondern einer perfiden Konstellation verstanden wird.
Davon mal abgesehen war Viita unter anderem mit Aila Meriluoto verheiratet, die trotz eines sicher eher aufwühlenden
Lebens mit Viita ein beachtliches Gesamtwerk an Gedichten hervorbrachte.



Jackensauna am 10.10.2020

In der Sauna war ich noch nicht. Mein fürsorglicher Mitbewohner in Berlin hat mir eingeredet, dass es in Finnland jeden
Tag regnet. Die letzte Regenjacke habe ich mir 1997 in einem Charity Shop in Cheltenham gekauft. Sie ist nicht mehr ganz
dicht und in dem Klettverschluss haben sich über die Jahre die Flusen aller Orte angesammelt, in denen ich seitdem gelebt
habe, weshalb ich mir vor ein paar Wochen eine neue Jacke zulegte. Sie ist gummiert und mit einem dünnen Sweatshirtstoff
gefüttert. Wenn ich damit zehn Schritte getan habe, dampfe ich wie in der finnischsten Sauna Finnlands, Jackensauna.
Wenn meine Quarantäne vorüber ist, werde ich aber mal die benachbarte Sauna in Kaukajärvi aufsuchen und davon berichten.

Die Jacke ist übrigens gräulich lindgrün und hat zwei dunkelblaue Blockstreifen. Wenn ich in dieser Jacke um den hiesigen
Teich spaziere, falle ich unter all den neongelben und neonpinkfarbenen teilweise stocklosen Nordicwalkern unangenehm auf.



Info zu Lonnie am 09.10.2020

Zwei Lonnie-Kapitel sind auf Papier. Anders als bei den Tagesschaums bedarf diese Rohform noch einer intensiven Überarbeitung.


TAGESSCHAUM VOM 08.10.2020

Wenn Du mit der Finnischen Sprache konfrontiert wirst, dann kannst Du plötzlich alle anderen Sprachen.
Natürlich absolut übertrieben. Aber irgendwie scheinst du alle anderen Sprachen plötzlich viel leichter zu verstehen,
selbst wenn du sie nie gelernt hast.
Heute morgen habe ich eine italienische Rezension von einem Buch überflogen, das ein Kollege von mir kürzlich auf Englisch
rausgebracht hat. Natürlich fehlten zum vollen Verständnis einige Vokabeln, aber jedes vierte italienische Wort dieser Rezension
war mir um ein paar Ecken vertraut, und bei jedem Absatz schien ich zumindest eine Ahnung davon zu haben, worum
es ungefähr geht.

Italienisch lernst Du durch Speisekarten, durch italienischen Schlager auf Berliner Vorcoronakonzertveranstaltungen, durch
Zutatenangaben auf den Verpackungen von importierten Nahrungsmitteln, die du im Supermarkt kaufst. Finnische Begriffe suchst
du im Rewe, Lidl oder in der BioCompany vergeblich.
Und selbst der Gutschein für einen Online-Sprachkurs für eine Fremdsprache meiner Wahl, den ich in einer Radiosendung gewonnen
hatte, war für die Katz. Natürlich hatte ich mich tierisch darüber gefreut – stand doch bald die Reise nach Finnland an, für die
ich mich auf diesem Wege zumindest mit ein paar finnischen Phrasen versorgen könnte. Doch nachdem ich mich auf der Internetplattform
für die Sprachkurse registriert hatte, musste ich enttäuscht feststellen, dass Finnisch dort gar nicht angeboten wird.

Nachdem ich etwas auf Übersetzungsseiten im Netz und in Sprachbüchern herumgeschmökert hatte, wurde mir schnell klar, dass Finnisch
keine Sprache ist, die einem beim Erlernen von Vokabeln Eselsbrücken an die Hand gibt, zum Beispiel durch Ähnlichkeiten mit Begriffen
anderer Sprachen.

Weil ich mein kleines Hirn in den letzten Monaten dringend für die Überarbeitung meines zweiten Romanmanuskripts benötigte und ich
außerdem gar nicht wusste, ob die Reise unter den Bedingungen der Pandemie überhaupt stattfinden würde, legte ich die Vokabeln
beiseite und nahm mir vor, mich zumindest in die Melodie und den Rhythmus der Sprache einzugrooven und schaute finnische Filme mit
englischen Untertiteln, darunter auch Aki Kaurismäkis Ariel (1988). In diesem Film mustert die junge Politesse Irmeli während ihres
Dienstes ein Cabrio mit offenem Verdeck. „Anteksi“ („Entschuldigung“), sagt sie zu dem Besitzer der Karre, dem Hauptprotagonisten
Taisto Kasurinen, während sie den Strafzettel unter den Scheibenwischer klemmt. Im Anschluss bahnt sich recht schnell ein distanziert
vertrautes Liebesverhältnis zwischen den beiden an, was in diesem Zusammenhang aber nicht viel zur Sache tut.
„Anteksi“ wurde zu meinem Lieblingswort, das aus dem Mund der Schauspielerin Susanna Haavisto viel schöner klang als seine deutsche
Übersetzung. Anteksi, anteksi, anteksi. Vielleicht würde ich es im Notfall sogar nutzen können.

anteksi
(Ariel, 1988)

Bei meinen täglichen Streifzügen durch die Supermärkte Tamperes werde ich weiterhin auf der Suche nach Begriffen bleiben, deren
Übersetzungen sich irgendwie ableiten lassen. Von denen, die man gleich versteht, nachdem man sie laut ausgesprochen hat, habe ich
ein paar kennengelernt (so zum Beispiel "kuitti" → "Quittung"), es sind kleine Geschenke. Mittlerweile schalte ich das Radio auch nicht
mehr ab, wenn die Nachrichten kommen. Ich ertrage die Sprache besser und freue mich über jedes einzelne Wort, das ich wiedererkenne.

Wenn man lange genug an einem anderen Ort ist, fängt man an, in der Sprache des Ortes zu denken. Das ist mir passiert, als ich eine
Zeit lang in England lebte und arbeitete. Das kommt ganz automatisch, weil man nie weiß, ob man urplötzlich von irgendwem angesprochen
wird und dann reden muss, d.h. das im Kopf zu Sätzen formen.
Dass Menschen in verschiedenen Sprachen denken, hat mich immer fasziniert. Und dass die Leute hier nicht bloß Finnisch reden, sondern
auch Finnisch denken, finde ich besonders lustig. Als ich heute mit dem Rad in der Innenstadt war, habe ich mich auf eine Bank gesetzt
mir die Leute angeschaut und mir vorgestellt, wie sich alle yksis, kuittis und antekis darin zu einem bunten Haufen versammeln, um
sich in unterschiedlichen Kombinationen miteinander zu verketten.




TAGESSCHAUM VOM 06.10.2020. Ausflug ins Stadtviertel Keskusta
Wenn ich draußen unterwegs bin, habe ich kein mobiles Internet und nutze deshalb auch kein google maps.
Das mache ich schon lange so, oft schaue ich mir die Route zu einem Ort zuvor auf einer Karte an, notfalls
zeichne ich grob die Strecken des anstehenden Trips auf ein Stück Papier. Es klappt, und unvorhergesehene Umwege
verzeihe ich mir. Wenn ich mit dem Fahrrad losfahre, gilt es, die abgefahrenen Strecken abzuspeichern,
alle zehn Minuten halte ich inne, um nachzuspüren, wo sich in Luftlinie mein Startpunkt befindet, um eben notfalls,
einfach wieder nach Hause zu fahren.
Vorhin habe ich mir nochmal das Foto mit den Wegpfeilen angeschaut und überlegt, ob ich nicht heute mal
nach Keskusta fahren könnte. Ich hielt es für einen Stadtteil, habe im Internet geschaut, was mich dort
so erwartet, und bin dabei auf die Info geraten, dass Keskusta einfach Zentrum bedeutet. Ich kleiner Doofi! :)
Kekusta ist übrigens auch der Name einer finnischen Partei, dessen Programm ich, obwohl ich's vorhin mal kurz
überflogen habe, hier nicht erörtern möchte und nicht unfreiwillig Werbung für irgendwas machen, was mir nicht vertraut ist, ein vierblättriges Kleeblatt als Parteilogo bedeutet nicht unbedingt das Glück für alle.

zentrum


TAGESSCHAUM VOM 05.10.2020

Nach einer unruhigen Nacht mit zu heißer Heizung (ich weiß noch nicht genau, wie ich die reguliere, außerdem habe ich etwa
drei Stunden wach gelegen und darüber nachgedacht, weshalb ich mich bislang weigere, über Corona zu schreiben, ganz anders als
die angesagten geknickten Autoren, die es seit Monaten tun, es bedeutet überhaupt nicht, dass es mich nicht betrifft, aber jeder
scheint sich in der Darstellung seiner unerfüllten Bedürfnisse überbieten zu wollen), habe ich erstmal die Fenster aufgerissen. Nachmittags hab
ich eine Radtour in das 3 km entfernte Stadtviertel Hervanta gemacht. Für Fahrräder gibt es hier auch so etwas wie Autobahnen, auf
denen man in Windeseile von einem Ort in den anderen radeln kann.

Hervanta erinnerte mich an Neubrück, den Kölner Stadtteil, in dem ich aufwuchs. Vor allen beim Anblick der maroden
Fassaden der Hochhäuser wurde mir plötzlich wohlig warm ums Herz, es fühlte sich vertrauter an als jeder einzelne Baum,
der mir hier bislang begegnet ist.

hervanta
Werde gleich zum Schlafen die Fensterläden wieder schließen und schaue vorsichtshalter mal unter das Bett...
Ich habe mich auch schon dabei ertappt, in die Schränke zu schauen, ob sich irgendwer dadrin versteckt.

04. Oktober 2020
LONNIE

Durch das Lesen von Romanen erfährt man die Nähe zu Orten. So haben die Sieben Brüder mir eine
Facette Finnlands sicher näher gebracht als dieser Reiseführer. In diesem Sinne – eben keine
Handreichung für Tampere vorzulegen – plane ich nun, meine Eindrücke hier vor Ort in einer kleinen
Fortsetzungsgeschichte zu verarbeiten. Als fiktive Geschichte, in der ich selbst nicht vorkomme.
Fiktionale Texte vermögen zu verdichten, anders als einfache Tatsachenberichte. Und eigene
Gedanken können einfach erdachten Protagonisten angedichtet werden.
Ob sich in der Erzählung wahre Momente wiederfinden, vermag ich nicht zu garantieren.

Hauptperson der geplanten Geschichte ist Lonnie, eine Siebzehnjährige, die nach Tampere reisen muss,
weil sie beauftragt wurde, neue Konzepte für die dortige Kartonfabrik vorzulegen.

Da ich die ersten beiden Oktoberwochen in Quarantäne in einem Mökki außerhalb des Stadtzentrums
von Tampere verbringe, handeln die ersten Kapitel von der Anreise und den Outskirts der schönen
finnischen De-Industriestadt. Ob es Illustrationen zur Geschichte geben wird, kann ich noch nicht
versprechen.

Wie ich auf den Namen Lonnie gekommen bin, weiß ich nicht genau. Ich hab mal ein Referat über
"Skiffle als Vorläufer des Beat“ gehalten, und Lonnie Donegan war einer der Interpreten dieses Genres,
vielleicht heißt Lonnie deshalb so.
Wenn ich nicht über Lonnie schreibe, liefere ich ein wenig TAGESSCHAUM, also eine Impulszusammenfassung
des Tages.

03. Oktober 2020
KLEINE EINLEITUNG MIT DEN SIEBEN BRÜDERN

In der Friedrichshainer Pablo Neruda Bibliothek hatte ich mir einen Reiseführer für Finnland ausgeliehen,
den ich dabei hatte als ich meine Freundin Maebh zwei Wochen vor meiner Abreise nach Tampere traf.
Sie griff nach dem Buch: „Let's see“, sagte sie, schlug nach lustigem Zufallsprinzip irgendeine Seite
auf und begann einen Absatz über das weiche, kalkarme Wasser zu lesen:
„In Finnland müssen Sie ihre Spülmaschine nicht entkalken!“ Maebh fiel in schallendes Gelächter und
klappte das Buch gleich wieder zu: „That's so German!“, sagte sie. Ich empfand ihren Spott als
erlösend, das Büchlein sagte mehr über den Autor aus als über das Land selbst.

Wenn ich Reiseführer lese, vergeht mir meistens die Lust am Reisen, sie bestimmen, welches Ding, welche
Sache des Sehens würdig ist. Worum geht es beim Reisen überhaupt, frage ich mich manchmal.
Ich kann mich gut an eine Woche in Porto erinnern. Ich ging alle Sehenswürdigkeiten. Gar nicht bewusst.
Es zog mich einfach wie automatisch aus dem historischen Zentrum raus, wie an einer sehr langen Leine
bewegte ich mich um die Drehpunkte herum, lief weite Strecken ins Periphere und landete irgendwann auf
einer Brücke, die als Autobahnverbindung diente. Weil ich keine Lust hatte umzukehren, lief ich der
dreispurigen Autobahn auf einem schmalen Streifen für einige hundert Meter nebenher, erreichte über
einen Erdhügel ein Wohngebiet mit Bürgersteigen, folgte schließlich Schildern mit schwarzen Kreuzsymbolen
und verbrachte den Vormittag auf einem riesengroßen Friedhof mit bunten Plastikblumen. Ich las Inschriften
auf Grabsteinen, spekulierte über Verwandtschaftsverhältnisse in großen Familiengräbern und errechnete
Todesalter. An vielen alten Gräbern von Menschen im Kleinkind- oder Säuglingsalter ließen sich Epidemien
und Kinderkrankheiten ablesen. Ein Friedhof war das eigentliche historische Zentrum einer Stadt, dachte ich mir.

Während meiner gesamten Portoreise war ich knapp an einigen Highlights vorbeigelaufen. Trotzdem hatte ich
nicht den Eindruck, dass ich irgendetwas verpasst hatte.

Das Definieren von Sehenswürdigkeiten in Reiseführern ist das geringere Problem. Richtig
schlimm wird es, wenn die Autoren versuchen, den Charakter einer ganze Nation auf ein paar
Seiten abzubilden. Dann beschleicht einen irgendwann ein unangenehmes Gefühl.
Übertreibungen und Schubladen sind leicht geschrieben und werden wohl gern gelesen.
Alles, was differenziert und unklar rüberkommt vermittelt dem Leser:
"Fahr da hin und mach' deine eigenen Erfahrungen!"


Die Sieben Brüder von Aleksis Kivi
Statt mich Reiseführern zu widmen, entschied ich mich für das Lesen von
finnischer Literatur. Wenn man da recherchiert, ist man schnell bei Aleksis Kivi (*1834).
Er gilt als einer der Begründer der finnischen Literatur.
In seinem Roman Die sieben Brüder erzählt er von ebendiesen „Jungens“ (so heißt es in
der Übersetzung von Edzard Schaper), die nach dem Tod ihrer Eltern ihren Hof Jukola verlassen,
um im Wald in der Wildnis leben, ihre Jugend auszuleben und so lange an sich selbst und den
anderen zu wachsen, bis sie in ihr Dorf zurückkehren und Familien gründen.

Zwar sind solche sagenhaften Schmöker von 506 Seiten nicht ganz mein Ding, doch nach den ersten
beiden Kapiteln, in denen die Brüder vergeblich versuchen, zu siebt eine Frau an Land zu ziehen,
dann doch ganz gut in die Geschichte hineinfinden.

Charakteristisch sind die ständigen Kämpfchen zwischen den Brüdern, sei es in Form von
körperlichen Raufereien oder verbalen Schlachten, die in flinken Dialogen vollführt werden.
Ebenso häufig wie gestritten wird, reichen die Brüder die Bierkanne herum, um sich wieder zu
versöhnen.

Bereits zu Anfang der Lektüre fiel mir die Struktur der Erzählung in unterschiedliche
Textblöcke auf: Einerseits sind da die vielstimmigen lustigen Dialoge, in denen die Jungens sich
verbal bekriegen. Andererseits die längere Textpassagen aus Sicht des Erzählers, der dem Leser den
Fortgang der Geschichte beschreibt, die auch schonmal mehrere Jahre zusammenfassen.
Die direkte Rede wird im Text somit selten mit einem Tun in Verbindung gestellt. Wenn geredet
wird, und das Tun die Brüder gern und viel, dann wird geredet. Vor dem Zubettgehen werden sie nie
müde, sich einander lange Gutenachtgeschichten zu erzählen, zum Beispiel über Trolle, die es auf
blasse Jungfrauen abgesehen haben. Die Geschichten in der Geschichte machen den Roman zu einem
vieldimensionalen literarischen Werk.

Als Person, die sich beim Lesen gern an sprachlichen Details aufhält, sammelte ich Beschreibungen
von Dingen, die in den Romanen und Büchern, die ich sonst lese, eher selten vorkommen, darunter
z.B. die häufig erwähhnten "bemoosten Steine", die ich auch prompt auf dem ersten längeren Spaziergang
am ersten Tag nach meiner Ankunft in Haihara vorfand.
Unten also ein Bild dieser Steine im Wald am Kaukajärvi. Vielleicht handelt es sich bei diesen ja um die
versteinerten Brüder, denn die Brüder selbst habe ich bis jetzt noch nicht im Wald getroffen.
bs

Ein neues Kapitel zu beginnen, war wie der Eintritt in ein neues Level eines Adventure Games,
bei dem es darum geht, mit Hilfe meiner Spielfiguren die Feinde der Wildnis des Waldes zu bewältigen.
Kivis Einfallsreichtum bei der Beschreibung von solchen Situationen ist schier grenzenlos.
So zertrümmern die Brüder an einer Stelle einen Ochsenschädel mit zuvor ausgehebelten jungen Bäumen.

Gerade aufgebaute Katen (kleine Häuser) brennen nicht selten einfach ab – im Hintergrund, ohne
dass es einer der Brüder mitbekommt. Diese slapstickhaften Szenen hätten wunderbar in Filmen
von Buster Keaton vorkommen können, in denen ein Haus manchmal einfach so in sich zusammenfällt
oder als akrobatischer Turnübungsplatz für den drahtigen Keaton herhalten muss.

Die ganz individuelle Dummheit, also der eigentliche Charme der sieben Jungens, wird bloß von der
Originalität von deren Sprache übertroffen („Du sagst Gesundheit, bevor du's Niesen gehört hast,
du Kuckucksbraten, du glotzäugiger Auerhahn“).
Lauri, einer der jüngeren der sieben Brüder, beginnt die Umgebung durch genaue Beobachtung zu
studieren, auch seine Träume lassen ihn mit neuen Erkenntnissen zurück.
Kivis Absicht ist die Schilderung des persönlichen Kampfs nach Freiheit, der wohl pars pro toto für
den Befreiungskampf Finnlands steht, das zur Zeit der Veröffentlichung des Buchs dem schwedischen
Königreich unterstand. Diese Großmacht gestattete den Finnen das Heiraten nur dann, wenn sie das Lesen beherrschten.
Umso lustiger also, dass die sieben Brüder 400 von 500 Seiten lang mit ihren Tornistern durch den Wald
rennen, ohne nur einmal in ihre ABC-Hefte zu schauen.

Es sind nicht nur Kivis Naturbeschreibungen, durch die meine Neugier und meine Vorfreude wuchs,
all diese Walddetails bald selbst im Rahmen meiner Residenz aufspüren zu dürfen. Es ist vor allem
der Humor, der das gesamte Buch so tief durchdringt, dass man es nur liebhaben muss. [Lustiger
Weise und total unbegründet wundere ich mich immer noch besonders über den Humor in älteren
Büchern von längst verstorbenen Autoren oder wenn diese in Alltags- und Jugendsprache schreiben
oder über Sex oder Albernheiten - so als hätten vergangene Menschen all das nicht gehabt.
Dadurch dass beschriebene Gefühlszustände (darunter auch Freude, also Humor) zu allen Zeiten
gegeben waren, sind und sein werden, vermengen sich alte und neue Texte zu einem Gebilde,
das außerhalb seiner Zeit Geltung hat, allein durch die Sprache.

Die von Edzard Schaper ins Deutsche übersetzte Version erschien 1950 im Manesse Verlag, erlebte
acht Auflagen, die letzte 1997, schreibt mir Tonia Kempe, eine Mitarbeiterin des Verlags.
Seit 2006 sei das Buch nicht mehr lieferbar. In den Jahren 2003 bis 2006 habe sich die Zahl der
jährlich verkauften Exemplare von ca. 400 auf etwa 200 verringert.
Mein eigenes Exemplar, die Erstauflage von 1950, stammt aus einem Antiquariat. Die
finnische Erstveröffentlichung 1870 feierte dieses Jahr 150. Geburtstag, vielleicht eine gute
Gelegenheit für eine Neuauflage. In der gegenwärtigen Kultur Finnlands scheint es jedenfalls
fest verankert, hier ein Foto von den sieben Brüder als Aufführung im Puppentheater im Post
Museum Tampere.
kivi
(Foto: Pirjo Rantanen 2020)



LESUNGEN IN FINNLAND

29.10.2020 Lesung Deutsche Schule Helsinki, Malminkatu 14. Beginn: 10 Uhr.

24.10.2020 Lesung und Gespräch im Kulturzentrum Tahmelan Huvila (Villa, Uramonkatu 9, Tampere. Beginn: 17 Uhr.

22.10.2020 Lesung im Büchermuseum Pukstaavi, Vammala. Moderation: Brigitte Reuter. Beginn: 18 Uhr.

15.10.2020 Online-Lesung mit Studierenden der Universität Helsinki. Beginn: 16.15 Uhr.
Universitätsexterne können sich via Email beim DKT für den Stream registrieren.

14.10.2020 Lesung beim Literaturtreff Tampere, Laikki, Mäkelän kabinetti. Beginn: 17 Uhr.