Stadtschreiberin Dortmund 2024

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Ab Mai 2024 ist Chrizzi Heinen Stadtschreiberin in Dortmund.
Texte, die sie während ihrer Residenz verfasst - und womöglich auch Audiodateien - werden auf dieser Seite dokumentiert.
Der aktuellste Beitrag steht jeweils oben.


10.06.2024, Dorstfeld, Teil 1
Klar gehöre ich zu den Leuten, die erstmal an bestimmten Orten selbst gewesen sein wollen, um über diese reden zu können. Orte mit schlechtem Ruf tun mir ganz schnell leid, weil es selbst an diesen Orten freundliche Nischen gibt, die es doch auch medial aufzuplustern gilt. Informanten haben mich natürlich schon im Vorfeld über die unappetitlichen rechten Zellen in Dorstfeld aufgeklärt. Unweigerlich kommt mir der Weitling-Kiez im Berliner Bezirk Lichtenberg in den Sinn, der schon zu Vorwendezeiten ein beliebter Treffpunkt für Ostberliner Neonazis war. Ab 1990 professionalisierte sich die Neonazi-Szene durch Hausbesetzungen in der Weitlingstraße. Neonazikader nutzten den Ort, um Schulungen durchzuführen. Wie es um den Weitlingkiez gegenwärtig steht, kann ich gar nicht genau sagen, die sichtbaren rechten Zellen wurden wohl zerschlagen, (während die rechte Gesinnung weiter zunimmt ...). Rein optisch hat Lichtenberg aufgrund der starken Begrünung, den pittoresken Altbauten und dem dörflich anmutenden Kaskelkiez stark an Ansehen gewonnen.
In Berlin war es bis vor kurzem nur eine Frage der Zeit, wann sich Studierende oder kreative Underdogs den unbeliebteren Stadtteilen annehmen, die Räume für ihre Zwecke nutzten, und einige von ihnen dann kaum zehn Jahre später Kinder bekamen, Ladenlokale mit neu eröffneten Kinderläden beglückten, sich beruflich professionalisierten und sich dann auch die hochpreisigen Mieten leisten konnten etc pp. Davon abgesehen, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper geworden ist, und studierende Neuankömmlinge nicht selten auf überteuerte Student:innenwohnheime ausweichen müssen, steht der Wandel von Stadtteilen auch immer in starker Abhängigkeit von der individuellen Entwicklung der Menschen, die in diesen Vierteln leben. Natürlich ist so ein Wandel, wenn er in rasanten Schüben und sehr einseitig vonstatten geht, zu kritisieren. [Ich möchte das hier nicht noch akademischer ausführen und darüber auch nicht weiter belehrt werden; darüber habe ich eine Doktorarbeit geschrieben …].
Die Frage, wie sich Dortmund entwickelt, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Interessant ist jedoch der erste Eindruck, dass sich die Stadt nicht (wie Berlin) vom Zentrum aus in gleichen Teilen wie in Ringen einer Baumscheibe nach Außen weiter umkrempelt.
Über das Image eines Stadtteils entscheidet auch in großen Teilen die mediale Produktion dieser Orte. Hat ein Viertel einmal einen bestimmten Ruf, kriegt er ihn nicht mehr so leicht los. Schade eigentlich, denn würden sich die Einwohner nicht so stark von diesen Bildern beeindrucken lassen, würden sie totgeglaubte Nischen erobern. Heute war ich übrigens an so einem Ort in der Nordstadt, über den ich aber hier (noch nicht) öffentlich schreiben möchte, da ich mir sorgfältig überlegen muss, wie und ob ich überhaupt darüber schreiben kann. Denn diese kleinen urbanen nachbarschaftlichen Oasen gilt es auch immer vor zuviel Ansturm und medialer Aufmerksamkeit zu schützen, damit sie nicht eines Tages größeren Projekten anheimfallen.
Ok, genug der großen kryptischen Worte. Zurück zu Dorstfeld, wo ich letztens mit dem Fahrrad unterwegs war. Am Wilhelmplatz machte ich bei Rodnik halt, einem Supermarkt für russische und polnische Lebensmittel.
Rodnik, Wilhelmplatz, klick hier zum Hören:

Ich mag solche Läden ja ganz gern, weil man immer irgendetwas anderes findet als bei Rewe, Netto oder Edeka. Ein Dessertpulver unter dem Namen КцсеЛв weckte aufgrund der farbenfrohen Gestaltung der Verpackung mein Interesse und auch, dass die Ukraine als Herstellerland für diesen Himbeerpudding angegeben war. In der Zutatenliste befanden sich auch einige Farbstoffe der Gruppe E, die in rauen Mengen zu Konzentrationsstörungen führen sollen. In dieser kleinen Wackelpuddingdosis sicher ok, sagte ich mir und dachte an meine weise Freundin R. aus Köln, die in einem spannenden Gespräch über aluminiumhaltige Deodorants einmal zu mir meinte, sie rauche keine Zigaretten, da könne sie mehr oder weniger bedenkenlos Aluminiumdeos benutzen. Manchmal überlege ich seitdem, welche Konsumprodukte ich meiden sollte, um andere auszuprobieren, oder auch, welche Verhaltensweisen ich ablegen sollte, um mir neue aufzuspannen. Naja, jedenfalls hab ichdas ukranische Himbeerwackelpuddingpulver auf das kurze Kassenband gelegt, meine knapp zwei Euro bezahlt und mich gefreut, das rosa Zeug irgendwann mal für meinen Sohn zuzubereiten.

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Die Zubereitung von КцсеЛв gestaltet sich als unkompliziert, der Zucker ist – ganz anders als bei seinem doitschen Anverwandten – im Pulver enthalten. Nach dem Aufkochen des im Wasser aufgelösten Pulvers entsteht eine visköse Masse. Statt klarer Gelatine beinhaltet das Produkt Stärke – anders kann ich mir die eher milchig-rosa Optik nicht erklären. Die Süße erinnert stark an Puderzucker, die Himbeernote ist kaum herauszuschmecken. Meinem Sohn schmeckt es leider nicht, ich mische mir ein paar Löffel in den Naturjoghurt.

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Freitag, 07.06.2024, Der Dortmunder Schriftsteller Erich Grisar, Teil 3, Cäsar 9

Erich Grisars Roman Cäsar 9 wurde posthum im Auftrag des Fritz-Hüser-Instituts editiert und 2015 veröffentlicht.
Cäsar 9 bezeichnet das Planquadrat (C 9) auf der vom britischen Bomber Command angefertigten Karte zur Vorbereitung der Luftangriffe auf das Ruhrgebiet während des Zweiten Weltkriegs. Im Planquadrat C 9 lag die Stadt Dortmund.

Fritz Hüser schrieb 1968: „Der Roman von der Zerstörung der Stadt Dortmund im letzten Weltkrieg enthält grandiose und dokumentarische Szenen – er ist leider immer noch ungedruckt!“ Eine Veröffentlichung des Manuskripts, das der Autor 1948 abschloss, gestaltete sich als schwierig. Denn die erzählerische Beschäftigung mit der Zerstörung Dortmunds, den Verbrechen an Kriegsgefangenen sowie die Auseinandersetzung mit den Hungers- und Wohnnöten während (…) des Krieges mag im Kontext der Bemühungen um den Wiederaufbau höchst unwillkommen gewesen sein. Bei zeitnaher Publikation hätte der Roman „zahlreiche neuralglische Punkte der Nachkriegsgesellschaft auf einmal berührt“ (Maxwill 2016, 332). Maxwill versteht den Roman nicht als Klage über die Bombenangriffe, dafür sei sich der Autor allzu deutlich über die ideologischen Katastrophen bewusst. Vielmehr stelle der Roman „Fragen von Vereinnahmung und Verblendung (…): Wie rasch lässt sich der Einzelne korrumpieren? (…) Und wie lässt sich innerhalb eines totalitären Systems überhaupt noch Distanz wahren und Widerstand ausüben, ohne sich selbst sogleich in Gefahr zu begeben?“ (Ebd., S. 340)

Erich Grisar – Cäsar 9, S. 340, klick hier zum anhören


02.06.2024, Der Dortmunder Schriftsteller Erich Grisar, Teil 2, Die Drehscheibe

Zum Ende dieser Woche ein weiterer kurzer Text mit dem Titel „Die Drehscheibe“ aus Erich Grisars Roman Ruhrstadt. In diesem Teil beschreibt Grisar die Grenzziehung innerhalb der Stadt (Nord/Süd) inklusive deren Bewohner, also die Vorstellungen von zwei voneinander abgegrenzten Wohnarealen, eine zweifelsohne zeitlose und die Deindustrialisierung wirkende Allegorie von Städten, die mir seit meiner Ankunft in Dortmund, wenn ich näher drüber nachdenke, jedes Mal aufs Neue unbegreiflich erscheint.

Erich Grisar – Ruhrstadt, Die Drehscheibe, klick hier


Veranstaltungshinweis für Freitag, 7. Juni 2024 im Literaturhaus

Da nutze ich mal diesen Feiertagsslot, um nochmal auf die musikalische Lesung aus dem Buch You`ll Never Sing Alone. Wie Musik in den Fußball kam aufmerksam zu machen, die am Freitag, 7. Juni im Literaturhaus im neuen Graben 78 stattfinden wird.

Der Autor Gunnar Leue schrieb mir in einer Email diese Woche noch folgende Info:

Meine musikalischen Lesungen laufen in der Regel so: Ich brauche einen Beamer, für den Anschluss an meinen Laptop (...) und einen Plattenspieler (...). Dann zeige ich Videos, spiele Platten an und lese mehrmals aus dem Buch. Zudem habe ich ein paar Roll ups, von meiner Ausstellung „Sound des Fußballs“, die ich ebenfalls aufstellen kann.

Das klingt ohne Zweifel nach einer famosen Fußballshow, die selbst Fußballmuffel wie mich so richtig in Fahrt bringen wird... Wir müssen uns ja auch nicht über den BVB und Rheinmetall unterhalten. Oder gerade doch?

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Der Ventil Verlag schreibt:

„Eine Kulturgeschichte des Fußballsounds, illustriert mit den besten Plattencovern und Fotos aus über 150 Jahren Fußballgeschichte. (…) Gunnar Leue hat den Sound des Fußballs als Fan in Stadien live erlebt und als Journalist und Autor beschrieben. Mit »You’ll Never Sing Alone« legt er eine umfassende Darstellung des Themas in all seinen Facetten vor. Mitreißend und detailreich erzählt das Buch die Geschichte der Fußballmusik, von den skurrilen Anfängen des Fansupports über singende Fußballstars und die Entstehung von Vereinshymen bis hin zum Protest der Ultras gegen Kommerz und Eventisierung. »You'll Never Sing Alone« ist eine faszinierende Reise durch die Fußballmusikgeschichte, gespickt mit den aberwitzigsten Anekdoten und seltenen Plattencovern.

Ich freue mich auf die unterhaltsamen Anekdoten und das kritische Hintergrundwissen. Kommt vorbei! Fragen und Berichte aus dem Publikum werden gern ins Programm mit aufgenommen.


28.05.2024, Der Dortmunder Schriftsteller Erich Grisar, Teil 1, Arbeit im Hüttenwerk Thomas

Der Dortmunder Schriftsteller Erich Grisar (1898–1955) war Lyriker, Romanautor, Journalist und Reiseschriftsteller. Sein Gesamtwerk umfasst den Arbeiterdichter der 1920er-Jahre ebenso wie den anekdotischen Humoristen der Nachkriegszeit.

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Sein Roman Ruhrstadt „hätte sein maßgeblicher Roman zum Ruhrgebiet, genauer: zum Leben und Arbeiten in Dortmund werden können“, schreibt Arnold Maxwill im Nachwort zum Roman und konstatiert für die frühen 1930er Jahre, also die Zeit, in der Ruhrstadt entstand, „eine enorm hohe Dichte literarischer und journalistischer Beschäftigungen mit dem Ruhrgebiet […]: als Region, als Landschaft, als Lebenswelt und Konglomerat von Industrie, Arbeiterschaft und Städtewachstum.“ (ebd., 268) Glaube man den Textspuren im Nachlass, „tippte [Grisar[ den Roman direkt in die Schreibmaschine und beendete den Text Ende Juli 1931 nach nur zweieinhalb Monaten Schreibarbeit.“ Die schnelle Romanproduktion schließt Maxwill aus Grisars „enorme[r] Vertrautheit mit dem Sujet (ebd, 268).“ Die erste der insgesamt drei Grisar-Kurzlesungen stammt aus dem ersten Kapitel aus Ruhrstadt, in dem der Autor präzise die Arbeit im Hüttenwerk beschreibt. Ich empfand den Text bei der ersten Lektüre stark ästhetisierend in Bezug auf die Arbeitsprozesse; die Vorgängen im Hüttenwerk werden durch die Sprache poetisch aufgeladen. Dieser Eindruck spiegelt Arnold Maxwill in seinem Nachwort wider, in welchem er schreibt:

„Dass der Romancier Grisar allerdings durchaus zum Pathos neigt, sobald es um das Thema 'Arbeit' geht, soll nicht verschwiegen werden. 'Arbeit' erfährt in Ruhrstadt bei der Beschreibung der Tätigkeiten im Werk durchgängig eine Aufwertung, die aufgrund ihrer metaphorischen Durchdringung teils schon eine gewisse Sakralisierung beinhaltet.“ (Ebd., S. 271)

Mit Bezug auf Grisars Fotografien beleuchtet Maxwill das Verhältnis des Autors zur Arbeitswelt so:

„Grisars Fotografien zum Thema 'Arbeit' und 'Industrie' überzeugen heute rascher als es seine Erzählungen und Romane tun, die in den späten 1920er-Jahren von der Überzeugung geprägt waren, dem Arbeiter müsse qua Dichtung die 'Anerkennung des vollen Wertes seiner Arbeit' durch die Gesellschaft ermöglicht werden.“ (Ebd.)

Neben dem Pathos, der Grisars Beschreibungen durchdringt, hat der Text freilich auch dokumentarischen Charakter bei der Veraanschaulichung der Arbeitsabfläufe im Hüttenwerk Thomas.

Erich Grisar – Ruhrstadt, Hüttenwerk Thomas, klick hier


Sonntag, 26.05.2024, Südbad, 11.55 Uhr
Das offizielle Ende der Woche wird eingeläutet, Rausschmeißer im Südbad, leider vollkommen übertönt durch Föhnrauschen und Schließfachgeklapper, werde mich um eine bessere Aufnahme kümmern, an einem Abend nächste Woche :)

Rausschmeißer Südbad, Sonntag, 11.55 Uhr, klick hier zum Hören:

Lustig war auch das kleine Mädchen in den Damenduschen, das unterm warmen Duschstrahl superlaut vor sich hinsummte, als sei sie eigentlich nur zum Duschen ins Schwimmbad gekommen.


26.05.2024 – Rotstift in HÖRDE. Über Träume, Briefumschläge, Realschulen, TEDi und Fremdsprachen
Wenn ich ausschlafe, also so bis 7.30 Uhr, kann es mitunter passieren, dass ich mich an all die bösen Alpträume erinnere, die mich kurz vor dem Aufwachen überkommen. Vorletzte Woche träumte ich, ich hätte meinen eigenen Roman aus dem Regal einer öffentlichen Bibliothek gezogen, das Buch aufgeschlagen und auf jeder Seite hätten am Rand dicht an dicht handschriftliche Anmerkungen, Kommentare und Verbesserungsvorschläge gestanden, die ein/e Nutzer:in der Bibliothek zwanghaft hineingekritzelt haben musste. Ein Traum aus der Kategorie „Nackträume“, die sich auf Scham und apriorische Schreib- und Publikationsängste beziehen. Erleichtert wurde ich mir nach dem ersten Kaffee gewahr, dass es unter der hier vorliegenden URL weder eine Kommentar- noch eine Mailantwort-Funktion gibt. Puh, nochmal Glück gehabt! :)
Um die Kommunikation zur Außenwelt aufrechtzuerhalten, benötige ich einen Kugelschreiber, Papier und Umschläge für die vielen Briefe, die ich in der Woche in der Postfiliale in der Kreuzstraße aufgebe. Dass ich keine Briefumschläge mehr habe, fiel mir just in dem Moment ein, als ich letztens mit dem Fahrrad die Marie-Reinders-Realschule passiere. Vom Schulhof der konventioneller Pausenlärm, vor dem Schulgebäude sitzen zwei Mädchen, die Schulaufgaben durchgehen.

Marie-Reinders-Realschule, klick hier zum Hören:

Und ein paar Meter weiter sah ich schon die nächste von gefühlt 100 Milliarden TEDi-Filialen in dieser Stadt (in Wirklichkeit sind es nur 200 im gesamten Ruhrgebiet, die TEDi-Zentrale liegt in Asseln, die erste Filiale wurde in Hagen eröffnet), gleich gegenüber des Hörder Bahnhofs. Ich möchte jetzt wirklich keine Werbung für diesen Laden machen, hab auch schon einmal krasse Kopfschmerzen da gekriegt, aber Schreibwarenläden sind rar gesät, da übernimmt halt TEDi das Kommando. Jedenfalls betrete ich den Laden, greife in einem der engen Gänge nach den Umschlägen und während ich zur Kasse laufe, ziehe ich schon den Euro aus dem Portemonnaie. Vor mir in der Schlange eine Russin mit zwei Kindern, verstehe deren spannende Unterhaltung nicht, weil ich nur ein halbes Jahr Russisch in der elften Klasse hatte. (Ich weiß aber, dass Butterbrot Butterbrot heißt und Banane Banan.

TEDi Hörde, klick hier zum Hören:

Ein paar Tage später telefoniere ich mit meinem Bruder, er hat Slawistik studiert und gibt mir die ungefähre Übersetzung des Mutter-Kind-Dialogs wieder. Da wir danach noch über die bald anstehende Einschulung seiner Tochter sprechen, vergesse ich den präzisen Ablauf des spannenden Dialogs, der in etwa folgendermaßen zu übersetzen ist:
Mutter (zu Kindern): Ihr sollt hier bleiben!
Kind: Guck mal, der Laden heißt Tedi.

:) Vielleicht sollte ich nicht überall mein Aufnahmegerät draufhalten :) Aber insgesamt finde ich Audioaufnahmen von Kassenpiepen im Kontext der gegenwärtigen Zeitgeschichte nicht irrelevant, in zehn Jahren klingen Kassen womöglich ganz anders.


Samstag, 25.05.2024 – Dortmund gegen Rechts-Demo
Leider muss ich gestehen, dass ich nicht allzu gerne auf Demos gehe. Dass man für eine Sache einsteht, ist gut und richtig!! Aber sobald es eventmäßig und festivalesk wird, wird mir ganz bang ums Herz und ich frage mich, was das soll. Auch bin ich kein großer Fan von Flaggen. Wieauchimmer. Ich möchte mich nicht weiter erklären müssen, heute jedoch gab ich mir einen Tritt in den Hintern, Impulsgeber war sicher auch der Gedanke an mein Aufnahmegerät, das tatsächlich so einige schöne Lieder auf der Veranstaltung einfangen konnte und natürlich auch dieser allgemeinen rechten Kackscheiße, die uns alle gerade umgibt, doch auch etwas antgegenzusetzen. Palitücher habe ich auf der Demo nicht gesehen, was ich sehr angenehm fand, während in Berlin gerade Unis besetzt werden.
Und während der Emorocker aus dem benachbarten Hinterhaus bei geöffnetem Fenster seine Softrockschlager hört und an den gefühligsten Stellen dazu mitplärrt (übrigens dieselben Songs, die er schon vorletzten Samstag aus seiner Wohnung ließ, er scheint so eine Playlist zu haben, es ist nicht gänzlich schlecht, er hört auch so Fleetwood Mac Hippie Kram, is sicher 'n weicher Typ, kenne ihn nicht, hab ihn auch noch nicht gesehen), übertrage ich die Soundfiles von meinem Aufnahmegerät auf meinen Rechner und bringe sie ein wenig in Ordnung, so dass jeder etwas davon hat. :)
Ich habe heute auch ein paar Fotos von den Musikern gemacht, aber die lasse ich diesmal einfach mal weg, um meinem klangfokussierten Konzept treu zu bleiben und auch weil ich Fotos von Demos auch nur für historische Zwecke dienlich finde und auch damit sich die Leserschaft nicht einfach durch die Bilder scrollt.
Die Reden, die auf dem Platz am Adlerturm gehalten wurden, habe ich nicht mitgezeichnet. Ich starte dort, wo die Menge aufgerufen wird, sich in einem geschlossenen Zug Richtung Westenhellweg zu machen. Am Ende dieser beliebten Einkaufsstraße soll dann die Menschenkette gebildet werden. Nachdem der DJ auf dem Podium den Gassenhauer "schrei nach liebe" angeschmissen hat, bewegt sich die Masse also Richtung Einkaufsstraße.
Der Zug schreitet so langsam voran, dass man die ganze Zeit aufpassen muss, nicht irgendwem auf den Fuß zu treten. Als es mir doch einmal passiert, ist mir das so unangenehm und ich entschuldige mich bei dem älteren Herrn, der das auch eher lustig findet, bei so vielen Menschen passiert sowas ja schonmal, meint er.
Eine aus drei Männern bestehende Bläsertruppe, führt den Zug an, trötet ununterbrochen, fast festlich, als wir in den Westenhellweg einbiegen verstärken sich die friedlichen Karnevalsvibes, die nur selten durch kurze Sprechchöre mit Slogans wie „Ganz Dortmund hasst die AfD“ oder „Alle zusammen gegen den Faschismus“ übertönt werden. An einzelnen Stationen des Wegs stehen verschiedene Gruppen von Sängern und Instrumentalisten, die den friedlichen Zug mit ganz individuellen Darbietungen musikalisch anreichern, so an der Stefanstraße eine Sängerin, ein Chor mit dem Poster „Sing bunt statt braun“ in der Nähe der Reinoldikirche mit „Bella Ciao“ oder, kurze Zeit später ein peaciger Chor mit „sag mir, wo die Blumen sind“ oder ein Steeldrum-Saxophon-Duo vor C&A. Ein sehr vielfältiges Programm und man den Musikern merkt man die Freude am Engagement an. Hier die Soundfiles, darunter geht der Text weiter.

Nach Kundgebung am Adlerturm, klick hier zum Hören:

Bläsertrio, Bella Ciao, klick hier zum Hören:

Chor, Bella Ciao, klick hier zum Hören:

Alle zusammen gegen den Faschismus, klick hier zum Hören:

Ganz Dortmund hasst die AfD, klick hier zum Hören:
Sängerin, Stefanstraße, klick hier zum Hören:

Saxofon und Steeldrum vor C&A, klick hier zum Hören:

Sag mir, wo die Männer sind, klick hier zum Hören:

Unter Sonnenschirmen an Bistrotischen betreiben einige politische Parteien Wahlwerbung, muss von mir aus nicht sein, weiß ja schon, was ich wähle, aber finde sowas immer gut wegen der Kugelschreiber, die man da bekommt, der Aufdruck lässt sich ja notfalls immer mit einer scharfen Fingernagelkante abkratzen. Ich hab mal einen orangefarbenen von der CDU in meinem Mäppchen gefunden und mich immer gefragt, wie der da wohl hingekommen ist, war mir in der Stabi immer richtig peinlich und habe gehofft, dass sich niemand einen Kuli bei mir ausborgen möchte. Mein Sohn hat von Den Linken in Friedrichshain mal ein Magnum-Eis bekommen, was er auch sehr nett fand. Einige Vertreter DER PARTEI laufen hier auf dem Westenhellweg wie lebendige Litfasssäulen in einer TV-Show mit lustigen Plakaten rum.
Gemächlich schreitet der Zug voran und erreicht keine zehn Minuten später das Ende des Westenhellwegs. Ich sehe noch, wie der Oberbürgermeister an die Spitze der Demo eilt, um sich für Pressefotos mit hinter das Banner zu stellen, stehe eine Weile mit in der Kette und löse mich dann aus der Menge; mehr als 160 Minuten halte ich es leider nicht in lautem Gewimmel aus.


24.05.2024
Glücksorte Dortmund: Der Südwestfriedhof
Jeder Friedhof klingt wie die an ihn angrenzende Straße. Im Fall des Südwestfriedhofs ist es die A40, die sich im Süden als Gürtel um die inneren Bezirke legt und den historischen Friedhof und seine Besucher mit urbanem Meeresrauschen beschallt. Die Besucher des Südwestfriedhofs geben sich einfachen Freizeitbeschäftigungen hin. Eine Frau geht mit ihrem Hund an der Leine spazieren. Um den dicken Stamm einer Linde winden sich zwei Eichhörnchen beim Fangenspielen. In der Ferne höre ich einen Jungen Fußball spielen, kurz blitzt ein gelber Fußball zwischen zwei Gräbsteinen hervor. Ein junges Pärchen sitzt via-à-vis der Kriegsgräberanlage und trinkt Radler, die Sonne geht knapp unter, das letzte Licht legt sich wie ein dunkelgelber Filter über die ordentlich aufgereihten alten Grabsteine. Auf dem Denkmal für die 523 Kriegsopfer des Ersten Weltkriegs hat jemand eine Bierflasche abgestellt, dahinter auf einer Bank wird einvernehmlich gekifft, ich rieche es bis hier her, das Aroma der Marihuanastängel vermengt sich synästhetisch mit dem Autobahnrauschen.
Ich hatte es schon einmal in meinem Tampere Blog erwähnt; Friedhöfe sind die einzig wahren historischen Zentren einer Stadt. Schön auch, dass es hier kein WLAn gibt, da bleibt man mir seinen eigenen Gedanken so schön allein :)

Glücksort Südwestfriedhof, klick hier zum Hören:
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Auf dem Südwestfriedhof ist außerdem der Dortmunder Autor und Fotograf Erich Grisar begraben, dessen unveröffentlichtes Werk sich das Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt in den letzten Jahren widmete. Am Mittwoch war ich dort, um mir zwei Romane von Grisar anzuschauen, aus denen ich auf dieser kleinen Stadtbeschreiberinnen-Website nächste Woche lesen und schreiben werde.


Lidl, Tremoniastraße
Ein windiger heißer Wochentag im Mai. Eine Frau rollt einen Einkaufswagen über die Tremoniastraße Richtung Lidl. Im Wagen sitzen drei kleine Jungen. Offenbar hat sie ihren Einkauf zuvor nach Hause geschoben und bringt den Wagen nun zurück zum Discounter. Als sie den Parkplatz erreicht, tritt eine Kundin aus dem Laden, in ihrer Hand eine Doppelleine mit zwei kleinen Yorkshire Terriern.
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Tremonia Lidl, klick zum Anhören:


22.05.2024
F während eines Telefonats: „Chrizzi, vergiss nicht den Jazz! Dortmund ist Jazzstadt! Vergiss den Jazz nicht, Chrizzi!“
C: „Ja, ich weiß, war auch schon im Fritz Henssler Haus, muss noch zu der free jazz session am dritten Donnerstag. Aber ich dachte auch: creative industries Techno. Phoenix-Techno, Tresor.West, ne?“
X, Taranta Babu, 23:20 Uhr: „Du hättest dem Johnny sagen sollen, dass du Stadtbeschreiberin bist! Dein ethnografischer Blick... etc pp.“
Y: „Fußball, Chrizzi, vergiss den Fußball in der Stadt nicht!“
Z gegen 2:20 Uhr: „Deindustrialisierte Städte werden zu IT-Städten, oder?“
C: „Vorhölle Thier-Galerie.“

Leute, ich bleibe dran, ich habe alles auf dem Schirm, sammel wie ein Berserker, habe jedoch auch meine eigene Perspektive zu wahren. Deshalb zwischendurch ein bisschen easy listening (siehe Tremonia-Lidl). :)


Ein Samstag Abend. Signal Iduna Park [11.05.2024]
Selbst Fußballstadien sind in Dortmund Kraftwerke, selbst an spielfreien Tagen.
Ein lauer Samstagabend, Fußballfans in zivil bummeln aus dem Kreuzviertel gen Süden über die BVB-Brücke, überqueren die B1, um sich in den Biergärten des Stadions einzufinden. Vor den Biergärten Mauern, die den Verkehrslärm von der Strobelallee filtert. Zwei kleine Jungs in gelben Trikots kicken einen gelben Ball gegen die Mauer. Auf den Trikots steht „Reus“. Achso, Reus wird gar nicht mit „oi“ geschrieben, denke ich. Im „Biergarten im Stadion Rote Erde“ ist viel los, Biergläser werden angestoßen, mit Geschirr geklimpert, englische Touristen unterhalten sich über Fußball. Eine Anlage beschallt die Biertische mit „Don't know much about history.“
Auf dem Weg zum anderen Biergarten („Strobels“) entlang der Mauer werde ich von zwei Typen angequatscht, die sich zum Biertrinken mit Kioskbier verabredet haben.
„'tschuldigung, wissen Sie, wo Marco Reus ist?“, fragt mich der eine.
„?“, ich zucke mit den Schultern und schaue mitfühlend.
„Ich dachte, Sie wissen vielleicht, wo der wohnt...“
„Ich wusste bis vor 'ner Woche nicht mal, wer das ist.“
„Ist ne Legende hier“, sagt der eine.
„Ja, ich weiß, mittlerweile.“
Ich setze meinen Weg fort Richtung Stadion und BVB-Fanwelten (einem großen BVB-Goodie-Laden, der abends nicht geöffnet hat). An einer riesengroßen LED-Wand werden die spektakulärsten Fotos der letzten beiden Spiele Dortmunds gegen Paris gezeigt. Zwei Fans stehen davor und machen mit einem Selfiestick Fotos von sich und der Wand und freuen sich, dass sie sich mit einem Bild von Marco Reus eingefangen haben: Marco Reus, vor Jubel schreiend und mit prallen Schläfenadern, so prall, dass sie gleich zu platzen drohen.
Ich nähere mich dem Stadion, still und starr steht es da. Am Gitter eines Eingangstors die Stadionregeln. Aus dem Gebäude dahinter, dem leeren Stadion, kommt lautes Rauschen, wie aus einem Kraftwerk. Selbst im Ruhezustand scheint es zu arbeiten, irgendeine Energie bereitzustellen, die Fans in den Biergärten zu segnen. Selbst an spielfreien Tagen ist das Stadion ein Kraftstein für die Fans, eine Anlage, an der man sich festhalten kann, während der Nachwehen, der Hoffnung, der Spannung und Vorfreude.
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Kraftstein

Im Biergarten Strobels ist etwas weniger los. Ich überquere die Strobelalle, laufe über eine gepflegte Gartenanlage Richtung Messehallen. Ein Pulk Menschen wartet vor der Westfalenhalle, es werden immer mehr. Was denn heute hier stattfindet, frage ich eine Frau, die in Begleitung vor einer dieser schönen Blumenbeete steht, und gerade ihre Sonnenbrille auf der Stirn absetzt. Marius Müller-Westernhagen, antwortet sie. Ich erlaube mir keinen Kommentar, wünsche viel Spaß und laufe heim.
Signal Iduna Stadion – ein spielfreier Samstag, klick zum Anhören:


Dienstag, 14.05.2024 – Dorstfeld - teaser
Romance in Dorstfeld
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N8i :)


Ein Montag - Huckarde
Nachdem ich mir  das schönste Badezimmer Dortmunds angeschaut habe, fahre ich mit dem Rad nach Huckarde, um mir einen Kaffee zu kaufen. Neben dem Friedhof St. Urbanus kehre ich in eine italienische Bistrocafépizzeria ein, die so gut wie alles anbietet. Nachdem ich einen Kaffee bestellt habe, werfe ich einen Blick auf die Speisekarte. Hm hm, BVB-Pizza gibt’s hier auch, hm hm, zu meiner Enttäuschung nicht mit gerösteten Bienchen, sondern mit allen gelben Zutaten, die die italienische Küche so hergibt.
BVB Pizza

Im Raum nebenan eine muntere Festgemeinde, alle in schwarz gekleidet, offenbar eine Trauergesellschaft, die heute morgen auf einer Beerdigung auf dem Friedhof nebenan war. Dabei fällt mir ein, dass wir nach dem letzten Begräbnis, auf dem ich war, auch in einer Pizzeria einkehrten. Riesenpizzas, die über die Tellerränder ragten, verdrängten für ein Paar Momente den Schmerz. Die Trauergesellschaft hier ist gerade beim Espresso angekommen und es wird schon wieder laut gelacht. Draußen hat ein Fahrtendienst geparkt, um Trauergäste abzuholen. Eine ältere Dame fährt mit Hilfe von Rollatoren zur Toilette und dann aus dem Restaurant, um sich mit dem Fahrer abzusprechen.



Freitag, 09.05.2024: Spaziergang durch den Westpark während Parkfest 2024
Ein heißer Frühlingsfreitag. Die Sonne knallt die Möllerstraße hinab. Wir suchen Schatten im Westpark, tiefe Dubbässe, Frauengesang: aus Boxen. Der DJ auf der Festivalbühne. Davor Schatten unter Bäumen und Bierbänke. An den Bierständen noch wenig los. BBQ. Ein Zelt mit 2nd Hand Kleidung, Jacken und 90er-Jahre Hemden, Klackern von Stahlbügeln an Kleiderstangen. Wir laufen den Parkweg entlang. Nähern uns der Bühne, Soundsystem wird immer lauter, Vögelgezwitscher konkurriert mit der Musik.
Rechts der Holzspielplatz, Kinder toben sich aus. Vier Tischtennisplatte, Bälle schmettern auf Steinplatten. Ein kleines Kinderkarussell mit volkstümlichem Bibabutzemann-Schlager, Mütter gröhlen. In der Ferne thront die Hüpfburg. Unterhaltungen auf deutsch, Unterhaltungen auf türkisch, Unterhaltungen auf russisch, gebrochen deutsch und französisch, türkische Männer verkaufen Tee, Frauen Lahmacun, Köfte und Dolma. Der Bass der Festivalbühne stampft sich durch den Park, Menschen sitzen auf Bänken unter Bäumen, hören Musik aus Lautsprechern ihrer Smartphones, französischer HipHop. Der Dub-Bass von der Festivalbühne entschwindet in der Ferne, Vogelgezwitscher wieder zu vernehmen. Verlassen des Parks durch den Ausgang Müllerstraße, Höhe baufälliger Rewe.
Spaziergang durch den Westpark während Parkfest, klick play:




Donnerstag, 08.05.2024
Ich habe in der html-Datei ein paar "target-blanks" eingefügt, so dass sich die links in neuen tabs öffnen, was etwas leserfreundlicher ist. :)
Habe Besuch und war ein zweites Mal auf dem Südwestfriedhof. Kurzeintrag darüber demnächst. Mir wurde erzählt, dass dort ein Autor (ich meine nicht Huelsenbeck!) begraben liegt, nur konnte man mir den genauen Namen nicht nennen. Wer es weiß, darf mir gern mailen, ich würde dann beizeiten ein paar Texte von ihm heraussuchen und teilen.
Schönes Feiertagswochenende an alle!


Mittwoch, 08.05.2024, II
Musik und Fußball? Wenn wir so nah am Thema sind, nutze ich doch mal die Gelegenheit, auf die Lesung von Gunnar Leue aus seinem Buch You`ll Never Sing Alone. Wie Musik in den Fußball kam aufmerksam zu machen, die am 7. Juni im Literaturhaus im neuen Graben 78 stattfinden wird.

Der Ventil Verlag schreibt:

„Eine Kulturgeschichte des Fußballsounds, illustriert mit den besten Plattencovern und Fotos aus über 150 Jahren Fußballgeschichte. (…) Gunnar Leue hat den Sound des Fußballs als Fan in Stadien live erlebt und als Journalist und Autor beschrieben. Mit »You’ll Never Sing Alone« legt er eine umfassende Darstellung des Themas in all seinen Facetten vor. Mitreißend und detailreich erzählt das Buch die Geschichte der Fußballmusik, von den skurrilen Anfängen des Fansupports über singende Fußballstars und die Entstehung von Vereinshymen bis hin zum Protest der Ultras gegen Kommerz und Eventisierung. »You'll Never Sing Alone« ist eine faszinierende Reise durch die Fußballmusikgeschichte, gespickt mit den aberwitzigsten Anekdoten und seltenen Plattencovern.

Ich freue mich auf die unterhaltsamen Anekdoten und das kritische Hintergrundwissen. Kommt vorbei! Fragen und Berichte aus dem Publikum werden gern ins Programm mit aufgenommen.


Mittwoch, 08.05.2024, I
Während des Spiels St. Germain gegen Borussia, das ich über mein Notebook gehört habe, verkabelte ich meine LOM-Sensoren mit dem Aufnahmegerät. LOM-Sensoren sind in der Lage, elektromagnetische Wellen in Klang zu übersetzen, es sind also kleine spezielle Mikrofone, die sich bloß auf elektromagnetische Felder konzentrieren, und die akustischen Phänomene, die das menschliche Ohr wahrnimmt, akustisch nicht verarbeiten. Angeschlossen an ein Aufnahmegerät mit output, an die man zB Kopfhörer anschließt, kann man die durch die Sensoren erfassten Signale dann hören. In Spielminute 80 machte ich dann also eine Audioaufnahme von meinem Notebook. Die Aufnahme der elektroakusitischen Wellen des Notebooks während des Fußballspiels unterscheidet sich natürlich merklich von den Aufnahmen, die ich machte, als ich auf meinem Notebook ein .pdf las. Muss mal schauen, wie es beim Finalspiel klingt oder wenn ich das Internet ganz ausschalte.
Unten kann man die Audioaufnahme hören, darunter noch ein Bild von meiner Hand mit den Sensoren vor dem Laptop. Leider etwas verwackelt; eine sehr nette Bekannte aus Dortmund, die ich letztens kurz in Berlin sah, kommentierte schon nach Ansicht des Fotos, sie hätte auf den ersten Blick gedacht, PAR würde gegen DDR spielen. :) Dies erinnerte mich daran, wie ich auf einer Residenz mit belarussischen Freunden in Graz während der WM beim einem Spiel mit Belgien (BEL) dachte, Belarus sei am Ball. Als Amateurzuschauerin der WM darf man sich schonmal den Spaß erlauben, ganze Nationen auszuwechseln.

Lom-Aufnahme St. Germain Paris gegen Borussia Dortmund, klick play:

Hand
Aufnahmen mit den LOM-Sensoren

Der Kommentator des Spiels war wie erwartet verlässlich onkelig. In der Halbzeit gute Analyse-Laberperformance der Profis inkl. einer weiblichen Vertreterin des Fußballs, sie leider mit defektem Mikro. Nach dem Spiel und dem Sieg der Borussen hörte ich draußen noch zwei kleine Chinaböller, vermutlich von einem Fan gezündet, es klang aber auch eher lustlos, wie das allerletzte Böllern in der Silvester-Afterhour eines zweiten Januars.


Dienstag, 07.05.2024 - Über Fußball, Kapitel I
Ah, in ein paar Stunden ist es soweit, das Halbfinalspiel Borussia Dortmund gegen Paris Saint Germain findet heute Abend statt, nicht dass es mich wirklich interessiert, aber ich habe mir schon mal ein blaues T-Shirt rausgelegt und habe vor, mir gleich noch einen edlen Château Haut-Brion, Jahrgang 2020, zu kaufen, bei Edeka, wo es diese große Auswahl an BVB-Fanartikeln und eine kleine Abteilung an Haushaltswaren gibt, und ich mich gestern gefragt habe, weshalb die hier noch keine BVB-Knoblauchpressen im Sortiment haben.
Gern erzähle ich die Geschichte über den Stadionbesuch für ein Spiel von Turbine, dem Frauenfußballverein Potsdams, auf dem ich mit meinem Sohn (damals 4 Jahre alt) und meinem Neffen (Gladbachfan und mittlerweile knallharter Jungschieri) war. Mein Sohn fragte nach etwa zwanzig Minuten Spielzeit, wann denn die Männer spielen. Er fragte nicht, wann denn endlich die Männer spielen, er blieb da relativ neutral. Aber er hielt das Spiel von Turbine gegen die andere Frauenfußballmannschaft eben bloß für so etwas wie die Vorband des eigentlichen Programms. Die kleine Geschichte sagt so viel über diesen Sport aus. Eigentlich bin ich an so ziemlich allem interessiert, außer halt an Fußball. Das stimmt nicht ganz, das Entstehen der Fangemeinde und die korrupten Verquickungen dieser Ballsport sind natürlich hochspannend.
Entzückend finde ich es natürlich auch, wenn hochdurchgeistigte Akademikerfreunde von ihren Bundesliga-Samstagen auf ihren Sofas bei Chips und Cola erzählen, nein, eigentlich erzählen sie davon nicht wirklich, man kriegt nur mit, dass das halt irgendwie regelmäßig bei denen, oft sind sie dabei allein, stattfindet. Faszinierend natürlich auch, dass sich die Liebe zu Fußball durch so ziemlich alle Klassen und Generationen zieht. Wenn mir Leute berichten, wie sie zum Fußball kamen und Fan wurden, kann es schonmal unangenehm gefühlig und nostalgisch werden, beschwörend erzählen sie dann, welches ihr erstes Spiel im Stadion war, welche Mannschaft sie damals weshalb auserkorten, welchen Vereinen Brüder und Väter nachhingen. Für eine Freundin von mir, die mich einmal auf ein FC-Köln-Spiel mitnahm und mich mit all dem Hintergrundwissen zu den Geißböcken aus dem Kölner Zoo versorgte, war ihre Fußballliebe eng mit ihrer Beziehung zu ihrem Vater verknüpft, der sie an das Fantum heranführte. Um es lapidar auszudrücken, Fußball ist mit tiefen in irgendeiner Vergangenheit verankerten Emotionen verbunden. Das ist ok. Was mir eher Angst bereitet, ist dieses Kollektive, das Größenwahnsinnige, die Massenbegeisterung, die Dopaminausschüttung, oder was immer da im Körper passiert. Konzentrierte Spielbeobachtung und Mitfiebern finde ich übrigens iO, vielleicht ist es wie wie das Lesen eines spannenden Buchs. Doch wenn zu übertrieben gebannt geschaut und in den Bildschirm gebrüllt wird, als gehe es um Leben und Tod, verziehe ich mich. Irgendwie fehlt da der Bruch, die Ironie, die Meta-Ebene. Ich verstünde es einfach nicht, mag man schimpfen. Aber doch! Ich verstehe es, den Anflug der Massenbegeisterung, ich habe ihn doch selbst sicher mal gespürt. Aber er ist mir zu überwältigend, unangenehem, als würde man bei einem Autounfall zuschauen. Es hat nichts mit mir zu tun. Dieses Gefühl, das mir von Außen aufgedrückt wird. In den EM- und WM-Saisons kommt man nicht drumrum, es mitzumachen, vielleicht wie ein Nichtraucher, der sich einer Raucherkneipe zwar kontemplativ einräuchern lässt, aber nicht richtig inhaliert. Ab wann macht man richtig mit, wann gehört man überhaupt dazu?
Klar interessiert es mich, was in beiden Fällen (Gewinn oder Verlust der Borussen) hier in der Stadt (auch klanglich) so geschieht. Das Amazon Prime Probeabo, das mir das ein oder andere nüchterne Fußballstündchen bescheren wird, habe ich selbstredend nur für die Zeit in Dortmund abgeschlossen. Stadiongeräuschkulissen von gestreamten Spielen, die aus den Notebookboxen kommen, finde ich komischer Weise beruhigend. Man kann so schön dabei lesen oder schreiben. Ich ziehe mein blaues Shirt über und mache mich mal auf den Weg ins Südbad und dann zu Edeka.


Dienstag, 07.05.2024: Künstliche Songs über Dortmund

Als sich ChatGPT und andere kreative KI-Maschinen sich vor ein paar Jahren auf den Horizontlinien der Monitore abzeichneten, führte das zu einem allgemeinen Hype, aber auch zu der Angst, eine artifizielle Macht würde den Menschen auch bald seiner künstlerischen Fähigkeiten enthaupten. Unter Autor:innen der Neid vor dem Tempo der KI beim Schreiben eines Romans. So teilte ein Freund bei freakbook einen Artikel aus dem Guardian, der – after AI concerns - die Begrenzung der Anzahl der täglichen Veröffentlichungen von Büchern auf drei Romane behandelte. Ich fand es so lustig und absurd, hatte ich doch etwa drei Jahre an meinem zweiten Roman gesessen und suchte schon seit Monaten nach einem freundlichen Verlag.

Was waren das wohl für Texte, die mittels KI entstanden? Medien- und Literaturwissenschaftler gaben sich fortan dem Experiment hin, genau dieser Frage nachzugehen, teils wissenschaftlich, teils essayistisch. Vermutlich wurden auch ganze Lehrstühle auf den Plan gerufen, DFG-Anträge zu schreiben, die den Nutzen und Nachteil von KIs und die Frage nach ihrer eigentlichen Intelligenz aufzuklären – selbstverständlich mittels empirischer Methoden. Vorabergebnisse wurden stolz im Internet präsentiert und unterschieden sich kaum von jenen Ergebnissen, welche die außeruniversitäre Bevölkerung längst selbst schon in ihren autoethnografischen Alltagserfahrungen mit der KI erbracht hatte.
Auch ich verbrachte einen Abend lang mit ChatGPT, um mich mit ihr über Martin Kippenberger (er ist übrigens in Dortmund geboren! ich mag seine Arbeiten sehr!) zu unterhalten. Eigentlich ging es mir, wie vielen anderen, nur darum, herauszufinden, wie ChatGPT so tickt. Offenbar hatte sie genügend Infos über Kippenberger eingeholt, um mir bereitwillig jede trickreiche Frage zu beantworten. Welche Meinung sie denn dazu hätte, dass Kippenberger oft Frauenfeindlichkeit nachgesagt wird, fragte ich, und sie konnte – sogar inkl. einer kurzen künstlerischen Rezeption – erörtern, dass es sich natürlich um eine negative Darstellung Kippenbergs handelt, die es dringlich aus dem Weg zu schaffen gilt. Eigentlich war mir ChatGPT von Anfang an sympathisch, doch erschien sie mir auch ein wenig schlicht. Als ich sie des Weiteren auf die Probe stellte und fragte, ob sie mir Hintergrundinformationen über den Musiker Istari Lasterfahrer (ein Hamburger Breakcore Produzent mit bürgerlichem Namen Felix Raeithel) liefern könne, erzählte sie mir, bei jenem Künstler handele sich um Jens Brinkmann, einen Bremer House-Produzenten. Ich habe laut gelacht, scheinbar war sie nicht mal in der Lage, Informationen aus alten MySpace oder Wiki-Seiten herauszusaugen.
In Bezug auf ihre Kippenberger-Auseinandersetzung machte ich mir oft Gedanken darüber, ob sie vielleicht einfach nicht schlecht über Personen reden wollte, denn - so erklärte mir ein Freund: ChatGPT bleibt von Anfang bis Ende höflich, egal, was du schreibst. Wenn man zwei ChatGPTs sich miteinander unterhalten lässt und sie beauftragt, miteinander in ein intimeres tête-à-tête überzugehen, bliebe es grundsätzlich beim Plaudersmalltalk, wobei ich das wiederum recht nett und auch realistisch finde.
Höflichkeit ist ja erst einmal gut. Was mich wirklich ernüchtert sind „intelligente“ Wort- oder Satzvervollständigungsfunktionen auf dem Smartphone. Nur weil es mir vorgeschlagen wird, tippe ich ein „kein Problem“, oder ein „alles klar!“, obwohl ich das früher eher zu prompt für eine Antwort gefunden hätte. Plötzlich kommuniziere ich botmäßig wie alle anderen auch, individuelle Subtexte oder niedliche Rechtschreibfehler gehen verloren, ich spüre das sprachliche Gleichmaching, dem jeder Charme abhanden kommt, und ärgere mich nach wie vor über fehlende Kommata.:) Oft nehme ich Wort- und Formulierungsvorschläge im Smartphone einfach so an, obwohl sich solche Floskeln für mich immer noch so gestresst anfühlen, fix und für die schnelle Reaktion werden irgendwelche Wortbuttons gedrückt. Meine Beobachtung hat gezeigt, dass sich dieser abgebrochene Schreib- und Sprachstil bei manchen Leuten auch im analogen real-life-Verhalten und ihren Telefonstimmen widerspiegelt.

KI-Songs über Dortmund
Zurück zu Dortmund und seiner musikalischen Vertonung: Eine beträchtliche Attraktivität gewann das kreative (?) Vermögen der artifiziellen Intelligenzen, als ich mitbekam, dass man in Nullkommanichts ganze Songs komponieren lassen kann. Die KI textet (mit oder ohne vorgegeben Stichpunkten) ganze Strophen und einen zumeist tatsächlich ohrwurmmäßigen Refrain und erschafft dazu die passende musikalische Begleitung (mit oder ohne Genrewunsch).
Das Perfide an der gesamten Sache ist, dass man den Stimme, die für die Songs geschaffen werden, trotz ihrer Konservenhaftigkeit, eine brüchige Seelentiefe nicht absprechen kann.

Die Kreation eines Song über Dortmund mittels KI ist äußerst erkenntnisreich, vor allem in Bezug darauf, was die KI über Dortmund zu wissen scheint.
Mit meinem Wunsch einen Song über Dortmund zu komponieren, in dem auch das Thema "Literatur" behandelt wird, schuf Suno ein Lied mit dem Titel Graue Schatten, der nach Klick auf den Titel anzuhören ist und unten einer kurzen Interpretation unterzogen wird.

Songtext von Graue Schatten

1. Strophe
Industriestadt
Rauer Beton
Dortmunds Straßen
Ganz verzon'n
Einst war hier der Stahl zuhaus'
Heute nur noch grauer Graus

2. Strophe
Literatur und Poesie
In den Büchern
Fern der Alltagsflieh'
Doch der Fußball regiert hier laut
Das Spiel Das alles übertönt

Refrain
Graue Schatten in der Stadt
Vergangene Zeiten
Nicht mehr satt
Doch wir halten fest
Was uns bleibt
Ein Lied der Hoffnung
Das uns treibt

Textinterpretation: Einer tieferen Textinterpretation möchte ich mich nun nicht hingeben. Grauer Graus erscheint mir beim ersten Anhören etwas tautologisch und ich weiß auch nicht, was mit verzon`n gemeint ist. Deutlich zu vermerken ist dagegen in Strophe 2 der unterschwellige urbane Identitätskampf, der missglückte Versuch, Poesie und Literatur in den Alltag des durch den Fußball regierten Lärm der Stadt zu integrieren. Literatur und Poesie bleiben aus Sicht des lyrischen Ichs einfach in den Büchern.
Der Song hat mich jetzt nicht wirklich umgehauen, aber ich versuche es mal mit etwas Anderem. Ich habe in der Stadt ein paar Nashörner gesehen, die laut Wiki für die Bodenhaftung und Solidität der Einwohner steht, was ich – wenn auch ein wenig flach – doch als ganz putzig empfinde. In das Suchfeld für die Songkreation bei Suno tippe ich also folgendes: -> ein melodischer pop song über die deindustrialisierte stadt dortmund, über literatur und nashörner. Heraus kommt ein Lied mit dem Titel Schatten der Stadt.

Songtext von Schatten der Stadt

1. Strophe
Schutzlose Straßen
Stahl ohne Schimmer
Eine Stadt gezeichnet
Von Vergangenheit zerissen Dortmund
Einst ein Glanz in dunkler Nacht
Jetzt die Schatten
Die unsere Herzen packen

2. Strophe
Bücher und Worte
Mal flüsternd Mal schreiend
Literatur fließt durch die pulsierenden Adern
Wie Büffel auf der Savanne
Stark und stolz
Gedanken tanzen
Wie ein ungesehener Schau

Refrain
Schatten der Stadt
In unseren Seelen wohnend
Doch unsere Träume lassen sie langsam verblassen
Wir sind die Nashörner
Kämpfend und stark
Dortmund Die Stadt
Die in uns lebt laut und klar

Textinterpretation: Durch die Ergänzung des tierischen Gimmicks (Nashorn) ohne Zweifel metaphorisch verdichtet, auch das Träumen wird als fast kämpferische Kraft gegen die urbane Dunkelheit verstanden. Nicht so schlecht. Aber weiter geht’s, noch einen dritten Song, bitte!
Ich riskiere wieder weniger Stichpunkte und tippe in das Sunosuchfeld einfach folgendes:
-> ein fröhlicher song über dortmund
Heraus kommt ein Lied mit dem Titel Der Gelbe Himmel (Oh, jetzt hätte ich beinahe "gelbe Hummel" geschrieben).

Liedtext von Der Gelbe Himmel

1. Strophe
Ich schaue aus dem Fenster
Es ist Zeit zu geh'n
Mit meinem Herzen
voller Freude
Ich kann es kaum versteh'n
Die Sonne scheint so strahlend
Der Himmel ist so gelb
Es ist ein neuer Tag Ich fühl' mich wie ein Rebell

2. Strophe
Ich laufe durch die Straßen
Die Menschen strahlen mich an
Wir singen
Wir tanzen
Lautet unser großer Plan
Die Liebe zur Stadt
Sie liegt in der Luft
Wir sind eins mit Dortmund
Unsere Heimat
Unsere Kraft

Refrain
Oh Der gelbe Himmel über Dortmund
So wunderschön
Die Stadt der Leidenschaft
Wir lassen sie nie allein
Die Fans Die Vereine Wir sind wie ein Team

Textinterpretation Gelber Himmel?, frage ich mich, Saharasand? Offenbar bin ich noch naiver als die KI! Achso, die Fans, die Vereine, wir sind ein Team! Freundliche Menschen habe ich aber auch schon auf der Straße gesehen. Dem ist nichts hinzuzufügen. Als ich dem OB an jenem Sonntag beim Meet and Greet von dem Songtitel berichte, erzählt er mir von der gelben Wand, also der Fantribüne im Stadion, die womöglich wie die Sonne leuchtet. Auch erzählt er mir von dem hellen Leuchten beim Abstich des Stahls im Stahlwerk, die die Umgebung auch nachts erhellte. Vielleicht bezieht sich die KI auch darauf.



Donnerstag, 02.05.2024 - Südbad – Innenstadt Süd
1957 erbaut, 1960 eröffnet, gilt das Südbad in der Ruhrallee als Baudenkmal Dortmunds. An den alten Fliesen an der Nordseite konnte ich mich bei den letzten beiden Besuchen gar nicht satt sehen.
Mein Aufnahmegerät habe ich im Schließfach gelassen, Fotoapparate darf man ja auch nicht mit in die Schwimmhalle nehmen.
Donnerstag Vormittag ist es richtig leer. Neben mir schwimmt eine schwarzhaarige Frau mit permanent Make-Up, auf der anderen Bahn ein älteres Paar: Sie mag so Ende achtzig sein und trägt eine silbergraue Speedo-Badekappe, er schaut etwas jünger aus und trägt eine blaue Kappe. Schwer auszumachen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, aber ganz offensichtlich haben sie sich hier im Becken zum Quatschen verabredet.
Während sie im Rückenstill durchs Wasser paddelt, schwimmt er ihr gegenüber an ihrem Fußende hinterher. Kopf und Schultern der beiden ragen aus dem Wasser. Wenn sie das Ende der Bahn erreicht haben, dreht sich dieser Zweipersonenschwimmapparat einmal um 180 Grad, und sie schwimmen in denselben Stil zurück, den Blickkontakt während des Gesprächs haltend, als würden sie sich mit Badekappen an einem Tisch gegenüber sitzen, der unter der Wasseroberfläche seine Bahnen zieht.
Wenn ich an ihnen vorbeischwimme, schnappe ich Teile ihrer Unterhaltung auf. Sie erzählt, dass sie in den 60er Jahren in Frankreich war, offenbar nicht mit ihrem Badefreund, vielleicht mit ihrem verstorbener Mann, vermute ich. Ihr Schwimmfreund hört angeregt zu. Es war in der Bretagne, erzählt sie, die Franzosen sprachen kein deutsch und sie kein Französisch, mit Händen, Füßen und viel Lachen hätte man sich verständigt. Auf Malle können alle deutsch, meint sie. Worauf ihr Badefreund sagt, da würden auch viele Spanier Urlaub machen, die kein deutsch könnten. Es sind keine weltbewegenden Gespräche, die die beiden da führen, aber in dieser Konstellation erinnern sie mich an einen schwimmenden Podcast, dem ich beim selber schwimmen gern zuhöre.

suedbad
Ein schwimmender Podcast, dem ich gern zuhöre

In den Duschen treffe ich auf eine Mittzwanzigerin, die mir erzählt, dass sie hier in Dortmund nur zu Besuch ist und eigentlich aus Köln kommt. Bin ich ursprünglich auch, sage ich und frage, wo in Köln sie denn genau lebe.
Naja, eigentlich nicht direkt Köln, gibt sie zu, komme aus Bergheim. :)
Später beim Haareföhnen treffe ich das Schwimmpodcast-Pärchen wieder. Gemeinsam verlassen sie das Bad. Ich ziehe mir im Automaten eine Fünferkarte.

Am Folgetag bin ich spät dran, erst am Nachmittag schaffe ich ins Bad. Das Becken ist voll, verschiedene Kinderkurse belagern die Bahnen. Ältere Kinder, die von ihren hitzigen Trainern beim Rückenschwimmen angebrüllt werden: Hintern hoch, schneller Paddeln, Körperspannung! Und Sechsjährige, die am Beckenrand sitzen, unsicher mit den Beinen strumpeln, die Füße knapp über der Wasseroberfläche, und sich nicht trauen, den halben Meter ins Wasser zu springen. Erst als ein freundlicher Trainer selbst ins Becken geht und ihnen anbietet, sie aufzufangen, wagen sie den Sprung. Ich habe fast vergessen, dass ich 2006 bei einer Jobsuche in Berlin selbst mal ein Vorstellungsgespräch als Schwimmtrainerin für Kleinkinder (Kinder, die kaum sprechen konnten!) hatte. Die ganze Sache hatte mich damals so beeindruckt, dass ich sie in einer einfach geschriebenen Email an Freunde festhielt, die man bei Klick auf Email nachlesen kann.